Reportage: "Notstandsgesetze regeln noch keine Probleme"

20. November 2005, 19:42
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Nach beinahe zwei Wochen mit nächtlichen Unruhen haben viele Banlieues nicht auf die Verhängung der Ausgangssperre gewartet und handeln bereits selbst

Die Straßen von Blanc-Mesnil sind an diesem Abend leer und verlassen. Ein schwarzes Ehepaar eilt mit einem Kind auf dem Rücken nach Hause und kreuzt vier Jugendliche, deren Gesichter unter den überzogenen Kapuzen nicht zu erkennen sind. Am Boden liegen Glassplitter, und fast in der jeder Straße zeugt ein ausgebranntes Auto oder ein verwüstetes Bushäuschen von den Krawallen, die in Blanc- Mesnil nordöstlich von Paris besonders schwer waren.

Aber jetzt herrscht in Blanc- Mesnil Ruhe. Kein entspannter Frieden, aber immerhin Ruhe. "Wir achten darauf, dass die Jungen keinen Blödsinn mehr anstellen", meint Mohamed Rezzoug, Vizepräsident des lokalen Fußballvereins, in dem mehr als die Hälfte der 800 Mitglieder jünger als 18 sind. Der 45-jährige Erzieher und Sportwart hat seit Tagen keine Nacht mehr durchgeschlafen. "Gestern war ich bis um sieben Uhr am Morgen auf, um ein Auge auf die Turnhalle und den Kindergarten zu halten."

Jugendliche

Diese beiden Gebäude blieben wie durch ein Wunder von den Brandanschlägen verschont. "Die Kids kennen mich, und ich kenne sie. Die hörten auf mich, als ich ihnen zurief, sie sollten wenigstens die Sportanlagen in Ruhe lassen", meint "Momo", wie ihn die Jungen nennen, und grüßt demonstrativ zwei Jugendliche vor der Turnhalle, die in einem Auto sitzen, Rap hören und einen Joint rauchen.

Rezzoug erzählt, wie ihm die Jungen letzte Woche zugeschrien hätten: "Momo, on va tout niquer!" – "Momo, wir machen alles kaputt!" Da habe er mit ihnen selbst "verhandeln" müssen. Dass die Kids reihenweise Autos abfackelten, ließ sich in der Hitze des Gefechtes nicht verhindern. Aber seitdem haben Rezzoug und viele Quartierhelfer, Eltern, Gemeindeangestellte und Sozialarbeiter erreicht, dass in Blanc-Mesnil fürs Erste keine Krawalle mehr stattfinden. Wachpersonal mit Hunden dreht Runden, um viele Siedlungen patrouillieren private Sicherheitskräfte.

Brave Kumpels

Am Wochenende organisierte die ganze Gemeinde einen lokalen Demonstrationszug für "mehr Sicherheit und mehr Dialog". Sprüche über das "Gesindel", wie Innenminister Sarkozy die meist minderjährigen Brandstifter nannte, waren nicht zu hören. "Wir kennen die Jungs ja, wir sehen sie jeden Tag im Supermarkt", meint Rezzoug. "Ich glaube, wir haben sie hier beruhigt. Jetzt wachen halt langsam ihre braveren Kumpels in den Provinzstädten auf."

Nicht weit vom Bistro erzählt eine Frau aus Guadeloupe, ein befreundeter Transporteur habe sich diese Woche beim Arbeitsamt eingeschrieben, weil ihm seine beiden Lastwagen abgebrannt worden seien. Rezzoug hält es trotzdem für eine gute Sache, dass die Polizei diskret bleibt. "Wenn die Flics in Schlachtaufstellung aufziehen, erregt das die jungen Maghrebiner ebenso wie all die Fernsehkameras. Das bringt nichts."

"Das ist doch Quatsch"

Von der Ausrufung des Notstandsrechts durch die Regierung hält der Vize-Fußballpräsident auch nicht viel. "Das ist eine politische Maßnahme für gewisse Wähler", meint Rezzoug, auf den rechtsextremen Front National anspielend. "Das ist wie wenn man sagt, die Islamisten steckten hinter den Unruhen. Das ist doch Quatsch."

"Notstandsgesetze regeln keine Probleme"

Die Gemeindeangestellte Françoise Oliva ist gleicher Meinung: "Notstandsgesetze regeln keine Probleme, auch kurzfristig nicht. Das Malaise geht tiefer, und die Antworten müssen von der Bevölkerung kommen oder zumindest mit ihr koordiniert werden." Bürgermeister Daniel Feurtet, einer der letzten Kommunisten im einst "roten" Banlieue-Gürtel rund um Paris, beruft diese Woche sämtliche Akteure der Gemeinde – Behörden, Vereine, Eltern – zu einer Versammlung ein, um Auswege aus der sozialen Misere zu suchen.

Aufschrei auf Arabisch

Für Rezzoug ist eben vor zwei Wochen der Deckel vom Dampftopf gesprungen. Doch dies sei alles ziemlich vorhersehbar gewesen, und: "Es ist doch nur eine Sandkasten-Revolution!" Die oft 12- oder‑ 14-jährigen Jugendlichen sprächen selbst nicht von Allah, um die Krawalle zu rechtfertigen, sondern von "sga". "Das bedeutet ‚Aufschrei‘ auf Arabisch", erzählt Rezzoug. "Aber nicht im Sinn eines aggressiven Kriegsschreis, eher zum Ausdruck eines Leidens." (DER STANDARD, Printausgabe, 9. 11.2005)

Von Stefan Brändle aus Blanc-Mesnil
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    Brennendes Ledergeschäft in Blanc-Mesnil.

  • Der Fußballtrainer Mohamed Rezzoug sorgte in seinem Viertel für Ruhe.
    foto: standard

    Der Fußballtrainer Mohamed Rezzoug sorgte in seinem Viertel für Ruhe.

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