Gestörte Erinnerungskultur

22. Mai 2006, 17:32
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Synagogen-Gedenktafel in der Leopoldsgasse wird als Zeitungsstand zweckentfremdet

Wien – Als Eveline Goodman- Thau, Professorin für jüdische Religion und Geistesgeschichte an der Universität Wien, vergangenen Sonntag durch die Leopoldsgasse im zweiten Bezirk in Wien spazierte, traute sie ihren Augen kaum. An der Eisenstange, die vor dem Haus Leopoldsgasse 29 als Befestigung der Gedenktafel an die Polnische Synagoge dient, prangten ein Kurier- und ein Kronen-Zeitung-Sack.

Erinnerung an ein Gotteshaus

Dass dies an jedem Sonn- und Feiertag so ist, war an der auf der Stange in Sackhöhe angebrachten Metallöse zu erkennen: Für die gebürtige Wienerin, die 1938 aus Österreich flüchten musste, Ausdruck "schmerzhafter Rücksichtslosigkeit, besonders weil die Tafel an ein Gotteshaus erinnern soll".

An ein 1892/93 errichtetes Gotteshaus, das in der Pogromnacht zum 10. November 1938 niedergebrannt wurde. Die Ruine überdauerte bis 1958, dann baute man ein Wohnhaus an die Stelle. Dessen Bewohner weigerten sich, die Tafel an der Hausmauer anzubringen – also wird des Tempels an der Stange in Fassadenabstand gedacht.

Diese Anbringung – und der Zeitungssack – seien Ausdruck dafür, dass "Erinnerungskultur im geschichtsträchtigen Wien, dort, wo die Juden früher gebetet haben, nicht gepflegt wird", sagt die in Jerusalem lebende Goodman-Thau. Ihr Wunsch für das Gedenkjahr: Eine neue, im Pflaster eingelassene Gedenktafel samt Foto des einstigen, prächtigen Gebäudes. (bri, DER STANDARD Printausgabe, 09.11.2005)

  • Rabbinerin Eveline Goodman-Thau: Ihre Eltern heirateten in der Synagoge, an die heute nur noch ein unscheinbares Gedenkschild erinnert
    foto: standard/newald

    Rabbinerin Eveline Goodman-Thau: Ihre Eltern heirateten in der Synagoge, an die heute nur noch ein unscheinbares Gedenkschild erinnert

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