Die Auswirkungen eines Flächenbrands

18. November 2005, 10:29
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In Frankreich herrscht der Ausnahmezustand: eine Zusammenstellung von Weblogs als Kommentar der anderen

Amerika ....

Auffallend im Gesamtbild der medialen Reaktionen ist nicht zuletzt, wie heftig die US-Zeitungen reagieren. Tenor: Die Intifada kommt nach Frankreich. Mit Genuss erinnert etwa ein Editorial der "New York Sun" an französische Kommentare auf die Rassenunruhen in L. A. Anfang der 90er:
"Nach einem Bericht der Washington Post verurteilte Präsident Mitterrand die Ausschreitungen als Ergebnis der konservativen Reagan-Politik, die in Frankreich nicht vorstellbar seien, weil ,das Land über das beste Sozialsystem der ganzen Welt' verfüge. (...) Nun stellt sich heraus, dass die muslimische Community in Frankreich abgeschoben wird in Bezirke voll von Kriminalität, Armut und Arbeitslosigkeit. Einige von uns waren in den 80ern in Europa und haben die Idee der Reagan-Ära unterstützt, dass Immigration eine Tugend ist - ungeachtet des religiösen oder ethnischen Hintergrunds der Einwanderer. Wir halten diese Ansicht nach wie vor aufrecht. Aber Immigration in einem Land mit dirigistischer Wirtschaftspolitik ist von vornherein zum Scheitern verurteilt."

... du hast es besser?

Alan Posener, Kommentarchef der "Welt am Sonntag", variiert diesen Vorwurf in seinem Weblog "Apokalypso":
"Man erinnert sich an Gerhard Schröders Auftritt beim missglückten Europa-Gipfel in Hampton Court, wo der Noch-Kanzler blaffte, Großbritannien biete ,ganz sicher' kein Vorbild für ein europäisches Sozialmodell. O.k., nehmen wir das Modell Deutschland/Frankreich: In Deutschland werden die Renten bis 2007 nicht erhöht, dafür wird das Renteneintrittsalter auf 67 erhöht. (. . .) Die Schulbildung ist mies, dafür aber sozial ungerecht. 40 Prozent der ausländischen Schüler bekommen keinen Hauptschulabschluss, dafür aber auch keine Lehrstelle. In Frankreich steht die Jugendarbeitslosigkeit bei 20 Prozent, dafür gibt's aber Subventionen für die Bauern. Die Vorstädte brennen, dafür gibt's den Kärcher. Im Sommer sterben Greise massenweise in ihren Betten, weil sich kein Arsch um sie kümmert. Warum probieren wir's nicht mal mit angelsächsischer neoliberaler sozialer Kälte?

Liebling Kreuzberg

Daniel Cohn-Bendit wiederum, einst Symbolfigur der Pariser Mai-Unruhen von 1968, weist in einem ausführlichen Interview mit "Spiegel Online" Befürchtungen, dass die Ausformung von Parallelgesellschaften auch in Deutschland zu "französischen Verhältnissen" führen könnte, mangels vergleichbarer Gewaltbereitschaft zurück. Er meint:
"Berlin-Kreuzberg ist eine Insel der Glückseligkeit in Vergleich zu dem, was in Frankreich existiert."

Im Übrigen kennt Daniel Cohn-Bendit den Hauptschuldigen an der Eskalation ganz genau:

"Wir haben es in den Vorstädten mit einer sehr gewalttätigen Situation zu tun. Vor diesem Hintergrund tritt dann der Innenminister auf und sagt: Ich räum da auf und wer sich mir entgegenstellt, der wird weggepustet. Oder hat jemand Mumm?

Natürlich gibt es genügend Jugendliche, die ohnehin in einer gewalttätigen Situation leben und sagen: Ja, natürlich haben wir Mumm und wir werden es dir zeigen, du Schwätzer." (DER STANDARD, Print, 9.11.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Auf einem Schrottplatz in Grigny sind die Massen an ausgebrannten Autos der letzten Tage zu sehen.

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