"Terrorismus ist ein großes Geschäft"

9. November 2005, 15:20
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Russische Antiterrorexperten erläuterten in Wien ihre jüngsten Erkenntnisse

Wien – Der internationale Terrorismus ist nach Ansicht von russischen Antiterrorexperten "vor allem ein großes Geschäft". Die von ausländischen Sponsoren nach Russland fließenden Gelder würden dabei sehr ungleichmäßig verteilt, sagte Oberst Nikolai Sacharow, stellvertretender Leiter des Zentrums für öffentliche Beziehungen des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, am Dienstag bei einer Veranstaltung des Russischen Kulturinstituts in Wien.

"Zynisches Geschäft"

Die unmittelbar an Terroranschlägen in Russland Beteiligten bekämen laut Sacharow nur einige hundert bis 3000 Dollar, die örtlichen oder regionalen Chefs von Terrornetzwerken dagegen bis zu 100.000 Dollar je Anschlag. Finanziert werde dieses "zynische Geschäft" nach den Erkenntnissen des russischen Geheimdienstes von etwa 60 ausländischen Organisationen, rund hundert kommerziellen Firmen und etwa zehn Bankengruppen. Derzeit hielten sich etwa 200 Vertreter all dieser ausländischen Gruppen in Russland auf.

Problem Korruption

Korruption im russischen Sicherheitsapparat sei "eindeutig ein Aspekt, der unsere Arbeit erschwert", räumte General Wladimir Kulischow, stellvertretender Verwaltungsleiter der Antiterrorabteilung im FSB, auf eine Journalistenfrage ein.

Die Tötung des früheren gewählten tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow, der von Moskau als Terrorist bezeichnet wird, sieht Kulischow als "Beispiel der gelungenen Zusammenarbeit" zwischen den russischen Geheimdiensten und den Sicherheitskräften in Tschetschenien. Sollte damit ein letzter möglicher Partner für eine Verhandlungslösung ausgeschaltet werden? Auf diese Frage des Standard sagte Kulischow: "Solche Gestalten werden zu Helden gemacht, das ist Teil des Krieges. Aber Maschadow hatte keinen Einfluss mehr, er war schon eine Null."

Militärische Konflikte

Die russischen Experten, unter ihnen auch Michail Trojanski, Vizechef des Zentrums für Informatik und Analyse im Moskauer Außenministerium, forderten unisono engere internationale Zusammenarbeit im Antiterrorkampf. Mit großer Sorge verfolge man nun die Ereignisse in Frankreich. Dort seien laut Medienberichten bereits Vertreter ausländischer Extremistengruppen eingetroffen, vermutlich um aus den Reihen der Randalierer Terroristen zu rekrutieren.

Dass ein an militärischen Konflikten nicht beteiligtes Land wie Österreich von Terror verschont bleibt, ist laut Sacharow keineswegs sicher: Sich darauf zu verlassen, könne eine Falle sein, "denn die Terroristen wollen mit ihren Anschlägen immer größtmögliche Wirkung erzielen". (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 9. 11.2005)

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