Mehr als eine Kopfgeburt

9. November 2005, 07:00
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Erika Mann, Tochter des Dichters Thomas Mann, wäre 100 - Ein Porträt gegen das Vergessen

So berühmt kann eine Frau gar nicht werden, wenn sie einen Vater hat, der in die Geschichte eingegangen ist. In einem solchen Fall muss sie scheinbar immer in dessen Schatten bleiben. Oder wie vielen ist schon das Faktum bekannt, dass Erika Mann, erstgeborene "Lieblingstochter" des deutschen Dichters Thomas Mann, eine vielseitig begabte Frau war, die es ihrerseits zu beachtlichen Erfolgen gebracht hat. Das "kühne, herrliche Kind", so ihr Vater, lebte ihre Begabungen auf mehreren Ebenen: sie war Schauspielerin, Kabarettistin, Journalistin, politische Kommentatorin, Vortragsreisende, Kinderbuchautorin und Rennfahrerin. Ganz nebenbei griff sie ihrem Vater, wie es sich für eine "gute Tochter" quasi gehört, unter die Arme: als seine Lektorin, Übersetzerin, Beraterin und Sachwalterin.

Zu mutmaßen bleibt, ob Erika Manns Bekanntheitsgrad weitere Kreise gezogen hätte, wenn sie ein Mann gewesen wäre. Ihre Eltern hatten sich das jedenfalls gewünscht und waren herb enttäuscht, das Erstgeborene nicht Erik nennen zu können. Und so blieb sie Zeit ihres Lebens und bis heute ausschließlich die Tochter ihres Vaters, eine Art Kopfgeburt, denn die mütterliche Abstammung von Katia Mann, ihrerseits Tochter der berühmten Feministin Hedwig Dohm, wird selten erwähnt. Dabei könnten diese weiblichen Vorbilder eine nicht unwesentliche Rolle für Erika Manns Entwicklung gespielt haben.

Biografische Notizen

Als das älteste von acht Kindern, wird Erika als äußerst lebhaft und nicht gerade pflegeleicht beschrieben. Die Matura bestand sie 1924 und besuchte nach einem Empfehlungsschreiben ihres Vaters, den sie "Zauberer" nannte, Max Reinhardts Schauspielschule am Deutschen Theater in Berlin. Unter der Regie des jungen Schauspielers Gustaf Gründgens wurde sie für die Hauptrolle des Stückes "Esther und Anja" über die lesbische Liebe engagiert. Zwei Jahre später heiratete sie Gründgens, ließ sich jedoch nach drei Jahren Ehe wieder scheiden. Zusammen mit ihrem Lieblingsbruder Klaus unternahm sie eine neunmonatige Reise nach Japan, China, Korea, Russland und die USA und publizierte ihre Erlebnisse im Reiseband "Rundherum. Das Abenteuer Weltreise".

Zurück in München schrieb sie Glossen, Reportagen und Rezensionen für verschiedene Zeitungen und Magazine. Mit Klaus und ihrer Freundin, der später umjubelten Schauspielerin Therese Giehse, gründete sie zeitgleich mit Hitlers Hetzreden das politisch-literarische Kabarett "Die Pfeffermühle" nahe dem Münchner Hofbräuhaus, das am 1. Jänner 1933 Premiere feierte.

Nach der faschistischen Machtergreifung zog das "Pfeffermühle"-Team anfangs noch ungehindert durch Europa. 1935 wurde Erika Mann die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen, woraufhin sie mit dem britischen Schriftsteller W.H. Auden eine Scheinehe einging und 1937 in die USA übersiedelte. Dort versuchte sie als politische Rednerin und Vortragsreisende die Öffentlichkeit über das nationalsozialistische Deutschland zu informieren. Als Korrespondentin berichtete sie für die BBC über den Weltkrieg, danach zählte sie zu den wenigen weiblichen Journalistinnen, welche über die "Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse" aufklären durften.

Im Jahr 1947 kehrte Erika Mann wieder aus dem Exil in ihr Elternhaus in Kilchberg bei Zürich zurück. Sie verwaltete den Nachlass ihres Bruders Klaus, der 1949 Selbstmord begangen hatte. Ihrem Vater stand sie bis zu seinem Tod im Jahr 1955 zur Seite. Ein Jahr später widmete sie ihm "Das letzte Jahr. Bericht über meinen Vater".

Erika Mann starb am 27. August 1969 in Zürich an den Folgen einer Tumoroperation. (dabu / Quelle: lespress)

Geboren am 9. November 1905 in München
Gestorben am 27. August 1969 in Zürich

Buchtipp:
Viola Roggenkamp:
Erika Mann
Eine jüdische Tochter
Über Erlesenes und Verleugnetes in der Familie Mann-Pringsheim
Arche Verlag
ISBN 3-7160-2344-2
Euro 19,90
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    Erika Mann
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