Der Stinker

9. November 2005, 19:42
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Die Mädchen in der Vierersitzgruppe sprühten aus ihren Parfümflakons...

Es war neulich. Und als die beiden Mädchen sogar Parfum versprühten – und das auch nicht half – stiegen wir aus. Bis auf den einen Mann taten das alle. Und während 12 Menschen in der Nacht standen, zuckelte der Bus weiter. Es war kalt und regnerisch. Aber immerhin stank es nicht mehr bestialisch.

Dabei hatte der Stinker nicht so ausgesehen. Wenn es ein „so“ überhaupt gibt: Der Mann, der da an der ersten Haltstelle zugestiegen war, hatte nicht reich gewirkt, aber auch nicht wie ein Sandler. Vollbart. Ein beiges Sakko unter dem er einen dicken Pulli und einen Schal trug. Ein Packen großformatiger, ordentlich zusammengefalteter, internationaler Zeitungen. Er zwickte einen Fahrschein.

Schwellkörper

Als er sich an mir vorbeischob, war mir nur sein rechter Fuß aufgefallen: Der war geradezu monströs angeschwollen und steckte in einem Ball aus Lappen. Ich rückte zur Seite um den Mann zum Entwerter zu lassen und da traf mich der Gestank. Völlig unerwartet. Wie ein Schlag mit dem Vorschlaghammer. Zuerst auf den Nasenrücken – und dann in den Magen.

Der Stinker humpelte in den hinteren Teil des Busses. Wenige Sekunden später gehörte die hintere Hälfte des Busses ihm allein: Der Gestank war – eben leider nicht – betäubend. Was es genau war, ließ sich schwer ausmachen. Der Mann emittierte eine Mischung aus angekackt, ungewaschen, Fäulnis und Eiter. Mein Magen revoltierte. So etwas hatte ich noch nie gerochen. Nicht auf Müllhalden. Nicht in Kanälen. Nicht einmal damals in der Wohnung mit der halbverwesten Leiche. Und der Geruch, der vollgeschissenen Obdachlosen, die im Winter in der U-Bahn Zuflucht suchen, war dazu – vergleichsweise ein provenzalisches Lavendelfeld.

Atemschutz

Rund um den vorderen Einstieg herrschte es war fast 22 Uhr – ein Gedränge wie zur Stoßzeit. Auch die paar neuzusteigenden Fahrgäste schoben sich – mit zugehaltenen Nasen, vors Gesicht geschobenen Schals und Mützen – sofort zu uns nach vor. Ich riss die Fenster auf. Die Mädchen in der Vierersitzgruppe sprühten aus ihren Parfumflakons. Ein Mann las der Fahrer konnte es nicht überhören laut jene Passage der Beförderungsbedingungen der Wiener Linien vor, die in jedem Bus affichiert ist und über der „Wen wir leider nicht mitnehmen können“ steht.

„Andere Fahrgäste stören“ und „ekelerregend“ kommt darin vor – und die weißen Nasenflügel der Frau neben mir, das möglichst flache Atmen des Paares hinter dem Fahrer und das „i just arrived in vienna – and i never smelt something like this before“ das der Mann, der mit uns aus dem Bahnhof gekommen war ins Telefon stöhnte, belegten, dass dies hier wohl schlagend war. Und als sich dann sogar die beiden Frauen mit den Earthschuhen (nach einer halben Stationsdistanz) und den Öko-Klischee-Anstecknadeln demonstrativ laut einig waren, dass es eine Grenze gäbe, was man aus Gründen der sozialen Nichtausgrenzerei ertragen müsse, las der Vorleser von vorhin die Passage noch einmal vor. Diesmal brülle er beinahe.

Fensteratmung

Alle hörten ihn. Und alle verstanden ihn. Der Stinker ganz hinten zog den Kopf ein. Nur der Busfahrer reagierte nicht. An der nächsten Station stiegen wir aus. Alle. Der Busfahrer hatte sein Seitenfenster geöffnet und steckte den Kopf hinaus. Als er losfuhr zuckte er mit den Schultern. Der Stinker winkte uns aus dem davonfahrenden, leeren Bus zu. Sein Lächeln hatte fast etwas Triumphierendes.

  • Von Montag bis Freitag täglich eine Stadtgeschichte von Thomas Rottenberg

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  • Auch als Buch: Die besten Stadtgeschichten aus dem Stadtgeschichten – Archiv – zum Wiederlesen & Weiterschenken. "Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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