Verdacht auf Kindesmissbrauch: Freispruch für Wiener Ministerialbeamten

11. November 2005, 08:30
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Mädchen waren für Gericht nicht glaubwürdig - Angeklagter sah sich als Opfer einer Verschwörung

Wien - Ein Ministerialbeamter musste sich heute, Dienstag, wegen sexuellen Missbrauchs von Unmündigen im Wiener Straflandesgericht verantworten. Er wurde vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs freigesprochen. Der Schöffensenat (Vorsitz: Thomas Schrammel) verwies in der Begründung auf widersprüchliche Angaben der Mädchen im Vorverfahren.

Der Mann soll im Vorjahr in seiner Wohnhausanlage mehrere Mädchen belästigt haben, indem er laut Anklage auf der Dachterrasse wiederholt ihre Brüste betastete oder ihnen Zungenküsse aufdrängte. Die Mutter einer angeblich Betroffenen behauptete im Zeugenstand, er sei als "Schmusebär" bekannt.

Dem Gericht erschien es nicht nachvollziehbar, dass das Mädchen bei Annahme von schon länger andauernden sexuellen Belästigungen weiter Kontakt zu dem Mann gesucht hatten. Erwiesenermaßen hatten etwa zwei von ihnen noch Ende Dezember 2004 an seine Wohnungstür geklopft.

Zweifel

"Es gibt erhebliche Zweifel an dem, was die Mädchen ausgesagt haben", erklärte daher der Vorsitzende. Der Freispruch ist nicht rechtskräftig, die Staatsanwältin gab vorerst keine Erklärung ab.

Der Beamte hatte sich "nicht schuldig" bekannt und von einer Verschwörung gesprochen. Er sei als Hausvertrauensmann in der großen Genossenschaftsanlage tätig, wo es seit Jahren Probleme speziell mit diesen Kindern gebe: "Um fünf am Abend geht's im Innenhof los. Dann ist oft Lärm bis 23 Uhr. Wir werden terrorisiert! Sie fahren mit Rollerskates auf der Dachterrasse herum, wir werden mit Wasserballons beworfen. Wir haben schon Unterschriften gegen diese Kinder gesammelt. Alle zwei Wochen ist die Polizei da."

Dass er auf der Dachterrasse ausgerechnet mit den Störenfrieden Zärtlichkeiten austausche, sei doch absurd: "Ich küss' doch nicht Kinder, die ich vorher abmahne! Noch dazu an einem öffentlich zugänglichen Ort!" Überdies führe er mit seiner Ehefrau ein erfülltes Sexualleben und habe keine pädophilen Neigungen.

Mögliches Nahverhältnis

Laut Anklage sollten die insgesamt fünf Mädchen im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren, die im Vorverfahren kontradiktorisch einvernommen worden sind und deshalb nicht mehr bei Gericht erscheinen mussten, zu dem Mann insofern ein näheres Verhältnis aufgebaut haben, als er sich nicht damit begnügte, sie wegen der Lärmerregung "abzukanzeln". Er suchte demnach immer wieder das Gespräch. "Man kann gut mit ihm reden. Er hört zu", meinte eine von ihnen vor der U-Richterin.

Seine Übergriffe soll der Beamte den Angaben der Kinder zufolge selbst als "Tutti-Schlagen" bezeichnet haben. Dieser wies das als "Ungeheuerlichkeit" zurück. "Das ist jetzt ihre Strafe dafür, dass ich immer wieder runter gegangen bin und sie zur Ruhe gemahnt habe", gab er zu bedenken. (APA)

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