Carola Stern: "Was haben die Parteien für die Frauen getan?"

8. November 2005, 11:48
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Die deutsche Publizistin gilt als unverwechselbare politische Stimme - Jetzt wird sie 80

Berlin - "Heimat kann zur Fremde werden", erinnert sich Carola Stern an die erste Zeit der Wiedervereinigung, als die 1925 auf Usedom geborene Schriftstellerin und Publizistin die Jugendzeiten wieder aufleben lassen wollte. "An der Entfremdung trugen beide Seiten Schuld: ich, die aus der DDR geflüchtet war, und Menschen, die dort geblieben waren", schrieb Stern, die am Montag (14. November) ihren 80. Geburtstag feiert, im christlichen Magazin "Chrismon". Inzwischen lebt die Autorin mit Berliner Wohnadresse im Sommer auch wieder "zuhause" am Achterwasser.

Absolut nicht mehrheitsfähig

Aber das war nicht die erste Erfahrung mit Fremdsein und Entfremdung im wechselvollen Leben der Carola Stern, die über Jahrzehnte eine der vernehmlichsten publizistischen Stimmen im Nachkriegsdeutschland für Menschenrechte und Gewaltfreiheit in Ost und West war. Lange Zeit stand ihr Name für meinungsbildenden Journalismus mit dem Mut zu keineswegs immer mehrheitsfähigen Ansichten ohne ideologische Scheuklappen. "Die Stimme war unverwechselbar", erinnerte sich einer ihrer damaligen politischen Anhänger, der deutsche Alt-Bundespräsident Johannes Rau.

Amnesty International

Ihrem Engagement war es zu verdanken, dass die von ihr mitbegründete und geleitete deutsche Sektion der Gefangenenhilfsorganisation Amnesty International zur weltweit größten Sektion wurde. Sterns Stimme hatte Gewicht. Das leidenschaftliche Eintreten für die Ostpolitik Willy Brandts führte das ehemalige SED-Mitglied Stern auch mit den Literatur-Nobelpreisträgern Heinrich Böll und Günter Grass zusammen. Grass meinte über seine Weggefährtin im Geiste: "Streitbar, streitbar - daran sollten sich die Jungen heute ein Beispiel nehmen."

Frauenbewegung

Ein anderer Schwerpunkt in ihrem Engagement und ihrer Arbeit wurde bald die Frauenbewegung. "Was haben die Parteien für die Frauen getan?" fragte Stern 1976 als Herausgeberin einer Textsammlung. Das Frauenthema schlug sich in mehreren Büchern nieder wie etwa in den Biografien von Rahel Varnhagen und Dorothea Schlegel, deren Leben als aufgeklärte Frauen der Romantik Stern faszinierte. Die Arbeit an der Varnhagen-Biografie beschrieb die Autorin 1994 als "die glücklichste Zeit meines Lebens am Schreibtisch".

Aber auch einer so schillernden Person der Glitzerwelt der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wie die Schauspielerin und Diseuse Fritzi Massary, die seinerzeit als die bestangezogene Frau von Berlin galt, widmete Stern eine Biografie, ebenso den Künstlerpaaren Helene Weigel und Bertolt Brecht sowie zuletzt Gustaf Gründgens und Marianne Hoppe ("Auf den Wassern des Lebens", Kiepenheuer & Witsch).

Doppelleben

Als Sensation galt ihr Bekenntnis in ihrer 2001 erschienenen und verfilmten Autobiografie "Doppelleben", in der Nachkriegszeit im Auftrag des amerikanischen CIA in die SED eingetreten zu sein und Spionage betrieben zu haben. Manche attestierten ihr dabei eine "Selbstdemontage". Nach der Flucht in den Westen legt sich die Autorin, die unter Hitlers Regime als Erika Assmus aufwuchs und eine jugendliche Begeisterung für die Nazi-Phrasen hatte, das Pseudonym Carola Stern zu. Später sagte sie von sich, sie habe eigentlich "neun Leben gelebt" auf der "Suche nach einem Vaterland der Liebe und Gerechtigkeit". Auch eine "Sucht nach Zugehörigkeit" gesteht sie ein.

Kommentatorin

Nach dem Besuch der SED-Parteihochschule in Kleinmachnow bei Berlin und der Tätigkeit als Lehrerin in der DDR siedelte sie schon bald (1951) in den Westen über. Nach ihrer Arbeit als Lektorin im Verlag Kiepenheuer und Witsch war sie von 1970 bis 1985 Kommentatorin beim Westdeutschen Rundfunk. 1964 veröffentlichte sie mit "Ulbricht" eine erste Biografie über SED-Chef Walter Ulbricht, die sich auch als Frühgeschichte der DDR lesen lässt. Stern erhielt zahlreiche Auszeichnungen und wurde unter anderem mit der Carl-von-Ossietzky- Medaille und der Hermann-Kesten-Medaille des westdeutschen PEN- Zentrums geehrt. Von 1987 bis 1995 war sie PEN-Vizepräsidentin und ist seitdem Ehrenpräsidentin dieser Schriftstellervereinigung. (APA/dpa)

Biografie:
Carola Stern
Doppelleben
Kiepenheuer&Witsch
Köln 2001
ISBN 3-462-02981-9
Euro 19,90
  • Vielschichtig, eigensinnig und sehr intellektuell: Carola Stern
    foto: kiepenheuer&witsch
    Vielschichtig, eigensinnig und sehr intellektuell: Carola Stern
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