Analyse: (Staats-)Opernarien ohne Noten

7. November 2005, 18:57
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Österreichs identitätsstiftende Gestrigkeit - Von Peter Vujica

So viele Goldkehlen können in der Wiener Staatsoper gar nicht versammelt sein, als dass, wenn es - wie am vergangenen Samstag - so richtig ans Feiern geht, nicht doch auch einige hochmögende Herren ein paar Prosa-Arien steigen lassen.

Sie waren anerkennenswerterweise kurz und wiederholten im Großen und Ganzen den vom Staatsoperndirektor schon seit Längerem sonor vorgetragenen Refrain, demzufolge die Staatsoper auf alle Fälle ein Stück österreichischer Identität darstellt.

Wenn auch Politiker in Sachen Kunst nicht immer genau wissen, wovon sie sprechen, Ioan Holender weiß es. Ist es doch nicht zuletzt der Umstand, dass die vielen aus allen Erdteilen anreisenden Touristen die Staatsoper mit Österreich (oder Österreich mit der Staatsoper) verwechseln, der ihm zu einem nicht unbedeutenden Teil zur traumhaften Auslastung seines Hauses verhilft.

In Paris besucht man den Louvre, in Tokio das Kabukitheater und in Wien die Staatsoper, Schönbrunn und vielleicht auch die Hofreitschule. Jedes Land hat eben seine hochkulturelle Folklore.

Auf alle Fälle darf man für die Feststellung des Bundespräsidenten und des Bundeskanzlers, die Staatsoper sei Teil der österreichischen Identität, sogar dankbar sein. Hat der österreichische Zeithistoriker Oliver Rathkolb doch eben in seinem kürzlich erschienenem Buch Die paradoxe Republik die These aufgestellt, Österreich (gemeint ist die Zweite Republik) habe sich in nationalem Solipsismus selbst erfunden. Also zumindest die Staatsoper gibt es wirklich.

Bedenkenswert scheint vielmehr, dass so gut wie alles, was Österreichs Identität ausmacht, in seinen diversen Vergangenheiten besteht. Zwei von diesen scheinen besonders wichtig: die eine zwischen 1938 und 1945; und die zweite zwischen 1945 und heute.

Die eine ist die böse Vergangenheit. Ihrer wurde in diesem Jahr mitunter haarsträubend hanebüchen gedacht. Die andere ist die gute. Sie war am vergangenen Samstag Gegenstand der umfänglichen Feier in der Staatsoper.

Suchte man nun über die Staatsoper hinaus noch nach weiteren Insignien der österreichischen Identität, so ließe sich diese am ehesten in einem wenn auch imaginären, so doch omnipräsenten monströsen Kalender finden, der unerschöpflich Vergangenes zum gnadenlosen Diktat für die Gegenwart macht.

So wäre es auch völlig naiv und vergeblich, auf den nun doch bald absehbaren Silvester des Ge- und Bedenk- und Gedankenjahres zu hoffen. Denn schon braut sich aus kalendarischem Gewölk - woher sonst - der nächste Wolkenbruch zusammen:

Im nächsten Jahr wird Wolfgang Amadeus Mozart 250 Jahre alt. Zu seinem Pech. Als ob er es nötig hätte, nach dem Muster mancher seiner erfolglosen Kollegen runde Geburtstage zum Vorwand für eine Aufführung anzuführen.

Trotzdem: Rette sich, wer kann. Vor dieser Veranstaltungsflut gibt es wahrscheinlich für viele kein Entrinnen.

Als ebenfalls identitätsstiftendes Merkmal ließe sich auch gern geübte Praxis bezeichnen, in die Lawine aus Vergangenem auch ein bisschen Gegenwärtiges zu schwindeln. Oder, man kann es auch umgekehrt sehen, Gegenwärtiges - wie die eine oder die andere im Mozartjahr vorgesehene Uraufführung -, von dem man (und das Publikum) letztlich doch nicht so ganz überzeugt ist, durch attraktive Verpackung in einem Vergangenheitsbezug zu legitimieren und salonfähig zumachen.

So lässt sich aus allen diesen möglichen österreichischen Identitätsansätzen ein kulturpsychologisches Grundmuster ablesen: Es ist, entgegen allen anders lautenden Bekenntnissen, die Scheu vor der Gegenwart. Worüber man vergangenen Samstag in der Staatsoper viereinhalb Stunden zu singen wusste. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2005)

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