Erkenntnis eines Verhörs

13. November 2005, 22:27
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Die 29. Duisburger Dokumentarfilmwoche verhandelte in einem Schwerpunkt Filme über Täterschaft und die Frage nach der Legitimität solcher Repräsentationsweisen

Abends wurde dann gerockt . . .


Wann immer der Dokumentarfilm Täterschaft verhandelt, indem er sich den Tätern zuwendet, steht er unter besonderem Rechtfertigungsdruck. Wie legitimiert man den Blick auf jene, die Gewalt ausübten? Mit welchen Strategien entzieht man sich ihrer Faszination - und wo setzt der kritische Diskurs an? Wie geht man schließlich mit dem Umstand um, dass Opfern mit einer Schwerpunktsetzung auf Täter ein weiteres Mal Gewalt angetan wird?

Auf der 29. Duisburger Filmwoche, die neben der Präsentation neuer Dokumentarfilme schon immer auf deren Nachbereitung im Gespräch setzt, wurden diese Fragen vor allem an einer Doppelprogrammierung virulent:

Massaker, ein Film von Monika Borgmann, Lokmar Slim und Hermann Theissen, überlässt sechs Tätern das Wort, die 1982 in Sabra und Shatila an der Ermordung von 2000 Palästinensern beteiligt waren, während Tamara Trampe und Johann Feindt in Weiße Raben - Alptraum Tschetschenien die Auswirkungen des Krieges über eine Reihe von russischen Veteranen thematisieren. Der eine überhöht sein Thema ins Archetypische, indem er historische Hintergründe ausspart; der andere betreibt Konkretion, indem er die fixen Positionen von Täter- und Opferschaft zu unterlaufen versucht.

Massaker ist insofern angreifbar, als seine Phänomenologie von Täterschaft auf der visuellen Ebene spekulativ erscheint. Die Filmemacher mussten die Anonymität der Porträtierten gewährleisten, daher sieht man bloß Körper in einer Verhörsituation. Ihre Signifikanz bleibt fragwürdig, die Ausstellung ihrer Behaarung mag man auch als Ethnisierung deuten.

Anders als in Jean Genets berühmter Schrift 4 Stunden in Chatila liefert auch die Schilderung der Vorgänge ohne Kontext kaum faktische Einsichten. Die offenen Fragen des Blutbads, etwa die Rolle der israelischen Armee, werden nicht beantwortet, sie bleiben Verdachtsmomente.

Sprachlose Täter

In Weiße Raben, mit dem 3sat-Preis prämiert, ist auch von der Rolle des Aggressors kaum die Rede, aber es wird klar, dass die traumatisierten Soldaten Opfer eines Krieges sind, in den sie ohne Vorstellung gingen. Feindt und Trampe bauen ihre Argumentation stärker auf deren Müttern auf. Sie erst bilden die kritische Instanz des Films, rechtfertigen, zumindest graduell, die Empathie seines Blicks auf Täter, die für ihr Handeln noch gar keine Worte finden. Das Unsagbare wird so zum eigentlichen Inhalt des Films.

Thomas Heises Mein Bruder. We'll Meet Again, der mit dem Goethe-Preis ausgezeichnet wurde, lässt sich dem Schwerpunkt auf Täterschaft, mit anderer Gewichtung, noch hinzufügen: Opfer und Täter bewohnen darin dasselbe Haus in Südfrankreich. Andreas, der Bruder des Filmemachers, kocht bei Micha, seinem alten Freund, der zu DDR-Zeiten als Spitzel die Stasi über die Aktivitäten der Brüder Heise informierte.

Heise und sein Kameramann Peter Badel finden in dem kleinen Dorf, das von hohen Bergen umgeben ist, einen Ort, in dem die Geschichte nachhallt. Die Gespräche nehmen einen sehr lakonischen Lauf, Auslassungen bestimmen die Struktur des Films, und die knappe, aber umso vielsagendere Montage, die Micha etwa erst spät zu Wort kommen lässt, verraten viel von der Haltung des Filmemachers. Mein Bruder wird so zu einem Film über das Politische im Privaten, oder: das Trennende im Gemeinsamen.

"Rock Duisburg!", verkündete hingegen Romuald Karmakar im Katalog des Festivals und präsentierte nach 196 bpm mit Between the Devil and the Wide Blue Sea eine weitere energetische Erkundung der Musik-Clubszene, für die er den Arte-Preis erhielt. Den Schnittstakkatos von Musik-Clips entgegengesetzt verlängert er in Plansequenzen Auftritte von Bands wie T.Raumschmiere oder Cobra Killer in rohe Blöcke, die die Energie dieser Auftritte wie Batterien speichern, zugleich aber auch Aufschluss über performative Besonderheiten geben.

Bernd Schoch fügte mit Slide Guitar Ride, der den Extrembluesgitarristen Bob Log III auf eine Reihe von Konzerten begleitet, noch eine weitere gelungene Musik-Doku hinzu: Zwischen furiosen Leg-Riding-Episoden, animierten Sketches und bizarren Interviews fallen irgendwann die wunderbaren Sätze: "God, I know I'm nothing. But I'm having so much fun." (DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2005)

Von Dominik Kamalzadeh aus Duisburg
  • Der US-Blues- musiker Bob Log III bringt sein Publikum mit Sturzhelm und Leg-Riding in Ekstase: Bernd Schoch hat ihn für seine Doku "Slide Guitar Ride" auf seiner Tournee begleitet.
    foto: festival

    Der US-Blues- musiker Bob Log III bringt sein Publikum mit Sturzhelm und Leg-Riding in Ekstase: Bernd Schoch hat ihn für seine Doku "Slide Guitar Ride" auf seiner Tournee begleitet.

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