Mr. Bean gegen Blair

20. November 2005, 19:11
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"Blairo" sucht Trost beim Fußball - Britischer Premier verliert immer mehr an Rückhalt - Antiterrorgesetze als jüngster Testfall

Nun wissen die Briten, dass ihr Premier gern einmal wieder bei seinem Lieblingsclub Newcastle United im Stadion säße, aber nicht privilegiert in der Loge, weil dort alle auf ihn einreden würden und er nichts vom Spiel mitbekäme. Sie wissen, dass er die Eintrittspreise für astronomisch hält, dass er England durchaus den Weltmeistertitel zutraut, aber - leider, leider - keinen Feiertag ausrufen wird, sollten die Löwenhemden die WM in Deutschland tatsächlich gewinnen.

Es passiert nicht oft, dass sich ein Regierungschef in ein Sportstudio setzt. Genau das hat Tony Blair jetzt getan. Wie er so dasaß in der Expertenrunde der BBC, da wirkte er so entspannt, als wäre die Downing Street Nr. 10 ein erfrischender Jungbrunnen.

Jammergestalt auf dem Scheiterhaufen

Eine perfekte PR-Finte, denn im Alltag sieht Blair so abgekämpft aus, als zähle er schon die Wochen bis zur Pension. Der Karikaturist der Sunday Times malt ihn gar als Jammergestalt auf dem Scheiterhaufen. Aufgeschichtet sind all die Akten, die ihm tüchtig einheizen. "Irak", "Blunkett", "Terrorismusgesetz" - der Papierstapel, von Flämmchen umzüngelt, hat es in sich.

Blair III, das dritte Kabinett des dreifachen Wahlsiegers, erlebt eine Konstellation, wie es sie noch nie gab unter New Labour. Acht Jahre konnte die "Neue Mitte" mit erdrückenden Mehrheiten regieren. Seit der Parlamentswahl im Mai hat Labour aber nur noch 66 Sitze mehr als Konservative und Liberale. Angesichts der Dissidenten in den eigenen Reihen ist das Eis noch dünner, als es die Zahlen verraten.

Beispiel Irak - Sir Christopher Meyer, ein geschliffener Diplomat, der das Königreich bis vor Kurzem in Washington vertrat, bestätigt in seinen Memoiren, was Kriegsgegner schon immer auf ihre Plakate schrieben: dass Blair sich gegenüber George W. Bush wie ein Pudel verhielt. "Das Ass in unserem Ärmel war, dass Amerika es nicht allein machen wollte", schreibt Meyer. Blair jedoch habe sein Blatt nicht annähernd ausgereizt. Er hätte den Feldzug vielleicht sogar verhindern können.

Beispiel David Blunkett - der Arbeitsminister, eines der Schwergewichte New Labours, musste zurücktreten, weil er Politik und Geschäft allzu großzügig vermengte. Sein Freund "Tony" wollte ihn halten, doch keiner stimmte in seine Laudatio ein.

Beispiel Antiterrorgesetz - durch schärfere Paragrafen versucht London, eine Antwort auf die Rucksackbomben des 7. Juli zu finden. Der Premier will Terrorverdächtige bis zu neunzig Tage einsperren, ohne dass Anklage erhoben werden muss. Über 70 Prozent der Briten finden den drakonischen Ansatz richtig. Kritiker mit dem populären Schauspieler Rowan Atkinson ("Mr. Bean") an der Spitze warnen dagegen vor einem Abgleiten in den Polizeistaat, und im Parlament schwillt der Widerstand so mächtig an, dass Blair wohl an einem Kompromiss feilen muss.

Nur die Fußballexperten nicken mitfühlend, wenn "Blairo" sein Berufsleben mit dem eines Spitzentrainers vergleicht. Sein Lieblingscoach? Alex Ferguson, der eisenharte Schotte, den sie bei Manchester United den Fön nennen, weil er enttäuschenden Spielern seine Meinung aus nächster Nähe ins Gesicht bläst. Den Alex, klagt Blair, hätten sie auch schon abgeschrieben. Dann aber mache seine Elf ein großes Spiel, und alle feierten ihn wieder als Helden - "ich kann ihn sehr gut verstehen". (DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2005)

Frank Herrmann aus London
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