Verloren in den Vorstädten

von Redaktion  |  13. November 2005, 22:28
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    Ein von Immigrantenfamilien bewohntes Abrisshaus am Stadtrand von Paris: Hier entsteht der Nährboden für soziale Unruhen - und für multi-ethnische Rap-Musik.

Rapmusik galt schon so gut wie entpolitisiert: Das Beispiel Frank­reich zeigt jetzt allerdings, wieviel Sprengpotenzial das Genre noch hat

Rapmusik galt zuletzt nur noch als zynisches Produkt, über das man der gesellschaftlichen Ausgegrenztheit hinein ins Wunderland des Kapitalismus entfliehen kann.


Wien - Angesichts eines Gerichtsurteils, das die aus dem Pariser Banlieue Seine-Saint-Denis stammenden Hardcore-Rapper NTM wegen ihrer Texte mit Haftstrafe und Auftrittsverbot belegte meinte das von Immigranten abstammende Duo schon 1995 prophetisch: "Wer uns ins Gefängnis stecken will, der sollte schon einmal größere Zellen bauen, denn nach uns kommen noch viele andere."

Wenn man sich von der Gesellschaft ausgesperrt, nicht integriert fühlt, beginnen sich die Ausgesperrten irgendwann selbst zu gettoisieren. Dies belegen seit Jahren nicht nur US-amerikanische Cultural Studies, sondern auch diverse französische Arbeiten zum Thema. Anhand der "Vorgeschichte" zu den aktuellen landesweiten Ausschreitungen am Rande und zunehmend auch in den Zentren der französischen Großstädte kann man derzeit auch eines gut beobachten. Aus dieser "Auto-Exklusion" (der französische Soziologe Louis-Jean Calvet) entwickeln sich neue und der restlichen Gesellschaft völlig unverständliche Perspektiven.

An den Randzonen entsteht das exklusive Bewusstsein einer "verlorenen Jugend" von aus Immigrantenfamilien aus dem Maghreb ("Les beurs"), aus Schwarz- oder Westafrika ("Les blacks") abstammenden Menschen, die mit dem ohnmächtigen Gefühl aufwachsen, in "zones de non-droit", im Scherbenviertel, zu leben. Aus dem scheint es angesichts von mangelnder Bildung oder Jobs und in Frankreich gerade auch aufgrund der falschen Herkunft und Hautfarbe kein Entkommen zu geben. Damit einhergehend wird gerade diese Ausgegrenztheit auch in der Musik der Immigrantenkinder stolz behauptet.

Es entsteht, das belegen auch diverse Rap-Gruppen wie IAM aus Marseille oder NTM oder Ministére A.M.E.R. aus Paris, allesamt wohnhaft in Vorstädten voller "cages à plusieurs étages", voller "Käfige in mehreren Stockwerken", eine selbstbewusste, sich von der Restgesellschaft abspaltende Stadtviertelkultur (inklusive selbst organisierter Ordnungssysteme wie Jugendbanden).

In der spielen Stolz auf die deklassierte (ethnische) Herkunft und wilde Anarchie gegenüber dem restlichen Sozialgefüge eine wichtige Rolle.

Auch sprachlich grenzt man sich in diesen neuen kulturellen Identitäten mit den für "Normalfranzosen" weitgehend unverständlichen Slangs des "verlan" oder "argot" bewusst ab. Gerade "Eindringlingen" von außen, seien es Polizei, Feuerwehr, öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen oder Verkehr (siehe auch die brennenden Linienbusse), werden hier von der selbst ernannten "racaille", dem "Abschaum" unserer so genannten Zivilisation, wüst attackiert.

Das alles lässt sich in Rap-Texten aus Frankreichs Vorstädten seit mehr als zehn Jahren wieder und wieder nachlesen. Ebenso sei hier an den das Thema gründlich wie schockierend verhandelnden Kinofilm La Haine (Der Hass) von Matthieu Kassovitz aus 1995 erinnert, zu dem die damals größten Namen des "French Rap" den Soundtrack beisteuerten.

Gegenmodelle

Eines wird aber angesichts der drastischen Fernsehbilder, die uns derzeit täglich in den Nachrichten begleiten, im Zusammenhang mit Rap und HipHop gern verschwiegen. Selbstverständlich geht es abseits von Kriminalität, Drogen, Gefängnis, sinnentleerter Gewalt, Aids, Langeweile oder "post-kolonialistischen Familiendesastern" (Copyright: Süddeutsche Zeitung) nach den brutalen Anfängen dieser dokumentarischen Kunst längst auch um positivere Gegenmodelle.

Aktivisten, darunter auch die zitierten IAM oder MC Solaar und unzählige lokale Initiativen in den Jugendzentren der Banlieues, versuchen ebenfalls seit Jahren mit derzeit geringem, aber doch zunehmendem Erfolg, diese Spirale der Hoffnungslosigkeit aufzubrechen. Stichwort: Pose ton Gun (Leg die Waffen nieder). Netzwerkarbeit, Jugendarbeit, vielfach auch: Hinwendung zum Glauben.

Mag sich der Hass der Jugendlichen vordergründig auch gegen die "westliche Welt" an sich richten, in die man sich nicht integrieren kann oder auch nicht mehr will. Der französische Philosoph Alain Finkielkraut prägte dafür vor einigen Jahren gar den Begriff eines "anti-weißen Rassismus", ohne möglicherweise zu bedenken, dass hier Mitte der 90er-Jahre in erster Linie auch der unerträgliche Rassismus der Front National unter Le Pen mitunter sehr drastisch mit Worten bekämpft und überhaupt gleich mit dem ganzen politischen System Frankreichs gleichgesetzt wurde.

Wie der deutsche Soziologe Dietmar Hüser 2004 in seiner das Thema ausführlich behandelnden Studie RAPublikanische Synthese. Eine französische Zeitgeschichte populärer Musik und politischer Kultur (Böhlau Verlag, Köln/Wien) allerdings weit im Vorfeld der aktuellen Ausschreitungen nachweisen wollte:

Gerade in Zeiten der ökonomischen Krise verlaufen Migrationsprozesse bedrückend langsam. Oft auch ohne scheinbar aktuelle Aussicht auf Erfolg. Hüser warnte diesbezüglich vor allem auch vor einem "fürchterlichen Katastrophismus" seitens der Medien und Politik. Das war, wie gesagt, vor einem Jahr. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2005)

Von Christian Schachinger

"Gib mir 'ne Pistole, fick die Polizei!" Französischer Rap dokumentiert die Lage
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frauke donnerknall 
08.11.2005 17:07
interessant

ist übrigens in dem zusammenhang, dass viele durchdachte bzw. politische rapper (curse zb. oder saul williams) immer gern betonen, dass sie den gangsta rap eh sehr schätzen. umgekehrt wär mir das noch nie aufgefallen.

super in dem zusammenhang saul williams über 50 cent und black empowerment: 50 cent is a fucking maya angelou poem.
nach zu lesen im aktuellen the message magazin.

Flavius  
08.11.2005 16:57
Ich weiß ja, warum mir Elektronische Musik besser gefällt :))

... von Hardstyle bis Dancefloor.

black fazer 
08.11.2005 16:04
Texte

Finde den Beitrag sehr wichtig und informativ. Bezüglich aktueller und kritischer Texte ohne Gangsta Posen empfehle ich zur Zeit Kayne West - speziell "Diamonds from Sierra Leone" - sowas hat schon lang keiner mehr laut gesagt!

Rittmeister Kopetzký
08.11.2005 16:53

Deutscher Rap ist genauso politisch! Hansi Hinterseers Sprechgesang - einfach stylisch politisch, dass muss einfach jemand sagen, das Sprachrohr der unterdrückten Rentner!

Peace Hansi du blue eyed Bandit!

Und was die Kastelruther Rap - Spatzen für kritische Texte haben auch genial, im Vergleich zum "DJ Ötzi", der ist ja so konventionell - pimpig!

Aber ich will hier den Kritikern nichts vor machen, über Kunst kann man halt einfach nicht streiten, ääächt nicht! Hoff auf FM4 machen Sie auch mal Randgruppenprogramm Stoankogler oder so, weg vom Mainstream, hin to the roots!

Fix + Foxy
08.11.2005 14:30
HipHop

In der Musik Vergleiche anzustellen finde ich nicht richtig, vor allem nicht NTM mit Sido oder so zu verlgleichen. HipHop hat geniale Wurzeln, aber es ist wie in der Politik oder sonst wo, überall werden Ämter und Positionen missbraucht um persönlich zu profitieren. Das haben auch in der Musik viele erkannt und HipHop in den Dreck gezogen. Hab übrigens vergangenes WE in Zürich Kurtis Blow gesehen, wobei wir wieder bei den Wurzeln wären, ohne Gewalt, nackten Frauen oder pimpig mit Geld zu protzen. Das von Magdalena mit Snap und Dr. Alban war hoffentlich nicht ernst gemeint!!

the jah
08.11.2005 16:37

hiphop ist genial, der gute zumindest

politisch verfolgt
08.11.2005 16:10
kurtis blow

der lebt noch? und macht noch musik?
unfaßbar.
anschauen würd ich ihn mir aber, da kämen erinnerungen auf. extra nach zürich würde ich dazu aber nicht fahren.

Magdalena Deutsch
08.11.2005 13:56

Dr. Alban und Snap. Das war halt noch richtige Musik!

kein gscheiter nick frei 
08.11.2005 15:46
Na und erst der schweizer Gangsta Rapper

DJ Bobo

DITC101
08.11.2005 12:10

passender titel dazu. 9.3 ein der besten rap-songs aus frankreich.

cherchez_la_femme
08.11.2005 11:25

Ich finde es super das auch junge Journalisten über dieses Thema im Standard schreiben dürfen.
Über französische Musik weiß man ja ohnehin in unseren Breiten sehr wenig.
Ein sehr wichtiger Beitrag zur laufenden Debatte.

Men E. Tekel   
08.11.2005 11:08
Kunst ist

immer politisch.

Daher ist der Terminus "entpolitisierter Rap" Humbug.

kein gscheiter nick frei 
08.11.2005 15:47
Blödsinn

Britney ist auch Kunst aber was da politisch sein sollte müssen sie mir erst erklären.

Rudolf Hauser
08.11.2005 12:08

und was har rap mit kunst zu tun... ;)
sido, bushido, fler und co lassen grüssen

ODB Wu 
08.11.2005 12:26
der schlimme Fall ist eingetreten

dass die Masse bei Rap nur noch an diese Clowns denkt.

the yeah yeah yeahs
08.11.2005 13:19

exakt. allerdings sind die AGGROs dermassen penetrant präsent, dass der breiten masse (wozu ich mich auch irgendwie zähle) ein derartiger schluss durchaus zuzutrauen ist. und niemand denkt an ODB, Chuck D und flavor flav...

politisch verfolgt
08.11.2005 13:54
chuck d

verbringt seine pensi längst irgendwo wos warm und sonnig ist, nehme ich an. public enemy ist so lange her, daß es schon gar nicht mehr wahr ist....

ODB Wu 
08.11.2005 14:11
Public Enemy

gibts noch immer, nur nicht auf MTV. Das kann man der Dismissed-Generation einfach nicht mehr zumuten.

http://www.publicenemy.com

politisch verfolgt
08.11.2005 16:13
naja

mag sein, daß die irgendwo noch herumgrundeln. aber gerade im amerika des george b. hätte public enemy doch unendliches material für neue sachen. enttäuschend.
mtv schau ich nie (das reimt sich sogar). wird da überhaupt noch was anderes gesendet als klingelton-werbungen in endlosschleife?

ODB Wu 
08.11.2005 17:34
die letzte

Frage kann ich mit einem klaren Nein beantworten.

laszlo panaflex
08.11.2005 17:23
grundeln?

und neue sachen gibts auch, durchaus. sie müssen sich halt informieren. frei haus gibts nix. is ja sonst bei sachen abseits vom mainstream nix anderes.

politisch verfolgt
08.11.2005 17:48
jaja

ich geb zu: bei public enemy hab ich bei meinem letzten besuch im plattengeschäft nicht nachgeschaut. andererseits: alte lieben soll man nicht aufwärmen. ;o)

susi strolcher
08.11.2005 17:47
gibts sogar auf m-und go tv

Men E. Tekel   
08.11.2005 12:17

Über Kunst lässt sich bekanntlich streiten ;-)

frauke donnerknall 
08.11.2005 11:23
das

musste man mir jetzt erklären...

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