
Ein von Immigrantenfamilien bewohntes Abrisshaus am Stadtrand von Paris: Hier entsteht der Nährboden für soziale Unruhen - und für multi-ethnische Rap-Musik.
Wien - Angesichts eines Gerichtsurteils, das die aus dem Pariser Banlieue Seine-Saint-Denis stammenden Hardcore-Rapper NTM wegen ihrer Texte mit Haftstrafe und Auftrittsverbot belegte meinte das von Immigranten abstammende Duo schon 1995 prophetisch: "Wer uns ins Gefängnis stecken will, der sollte schon einmal größere Zellen bauen, denn nach uns kommen noch viele andere."
Wenn man sich von der Gesellschaft ausgesperrt, nicht integriert fühlt, beginnen sich die Ausgesperrten irgendwann selbst zu gettoisieren. Dies belegen seit Jahren nicht nur US-amerikanische Cultural Studies, sondern auch diverse französische Arbeiten zum Thema. Anhand der "Vorgeschichte" zu den aktuellen landesweiten Ausschreitungen am Rande und zunehmend auch in den Zentren der französischen Großstädte kann man derzeit auch eines gut beobachten. Aus dieser "Auto-Exklusion" (der französische Soziologe Louis-Jean Calvet) entwickeln sich neue und der restlichen Gesellschaft völlig unverständliche Perspektiven.
An den Randzonen entsteht das exklusive Bewusstsein einer "verlorenen Jugend" von aus Immigrantenfamilien aus dem Maghreb ("Les beurs"), aus Schwarz- oder Westafrika ("Les blacks") abstammenden Menschen, die mit dem ohnmächtigen Gefühl aufwachsen, in "zones de non-droit", im Scherbenviertel, zu leben. Aus dem scheint es angesichts von mangelnder Bildung oder Jobs und in Frankreich gerade auch aufgrund der falschen Herkunft und Hautfarbe kein Entkommen zu geben. Damit einhergehend wird gerade diese Ausgegrenztheit auch in der Musik der Immigrantenkinder stolz behauptet.
Es entsteht, das belegen auch diverse Rap-Gruppen wie IAM aus Marseille oder NTM oder Ministére A.M.E.R. aus Paris, allesamt wohnhaft in Vorstädten voller "cages à plusieurs étages", voller "Käfige in mehreren Stockwerken", eine selbstbewusste, sich von der Restgesellschaft abspaltende Stadtviertelkultur (inklusive selbst organisierter Ordnungssysteme wie Jugendbanden).
In der spielen Stolz auf die deklassierte (ethnische) Herkunft und wilde Anarchie gegenüber dem restlichen Sozialgefüge eine wichtige Rolle.
Auch sprachlich grenzt man sich in diesen neuen kulturellen Identitäten mit den für "Normalfranzosen" weitgehend unverständlichen Slangs des "verlan" oder "argot" bewusst ab. Gerade "Eindringlingen" von außen, seien es Polizei, Feuerwehr, öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen oder Verkehr (siehe auch die brennenden Linienbusse), werden hier von der selbst ernannten "racaille", dem "Abschaum" unserer so genannten Zivilisation, wüst attackiert.
Das alles lässt sich in Rap-Texten aus Frankreichs Vorstädten seit mehr als zehn Jahren wieder und wieder nachlesen. Ebenso sei hier an den das Thema gründlich wie schockierend verhandelnden Kinofilm La Haine (Der Hass) von Matthieu Kassovitz aus 1995 erinnert, zu dem die damals größten Namen des "French Rap" den Soundtrack beisteuerten.
Gegenmodelle
Eines wird aber angesichts der drastischen Fernsehbilder, die uns derzeit täglich in den Nachrichten begleiten, im Zusammenhang mit Rap und HipHop gern verschwiegen. Selbstverständlich geht es abseits von Kriminalität, Drogen, Gefängnis, sinnentleerter Gewalt, Aids, Langeweile oder "post-kolonialistischen Familiendesastern" (Copyright: Süddeutsche Zeitung) nach den brutalen Anfängen dieser dokumentarischen Kunst längst auch um positivere Gegenmodelle.
Aktivisten, darunter auch die zitierten IAM oder MC Solaar und unzählige lokale Initiativen in den Jugendzentren der Banlieues, versuchen ebenfalls seit Jahren mit derzeit geringem, aber doch zunehmendem Erfolg, diese Spirale der Hoffnungslosigkeit aufzubrechen. Stichwort: Pose ton Gun (Leg die Waffen nieder). Netzwerkarbeit, Jugendarbeit, vielfach auch: Hinwendung zum Glauben.
Mag sich der Hass der Jugendlichen vordergründig auch gegen die "westliche Welt" an sich richten, in die man sich nicht integrieren kann oder auch nicht mehr will. Der französische Philosoph Alain Finkielkraut prägte dafür vor einigen Jahren gar den Begriff eines "anti-weißen Rassismus", ohne möglicherweise zu bedenken, dass hier Mitte der 90er-Jahre in erster Linie auch der unerträgliche Rassismus der Front National unter Le Pen mitunter sehr drastisch mit Worten bekämpft und überhaupt gleich mit dem ganzen politischen System Frankreichs gleichgesetzt wurde.
Wie der deutsche Soziologe Dietmar Hüser 2004 in seiner das Thema ausführlich behandelnden Studie RAPublikanische Synthese. Eine französische Zeitgeschichte populärer Musik und politischer Kultur (Böhlau Verlag, Köln/Wien) allerdings weit im Vorfeld der aktuellen Ausschreitungen nachweisen wollte:
Gerade in Zeiten der ökonomischen Krise verlaufen Migrationsprozesse bedrückend langsam. Oft auch ohne scheinbar aktuelle Aussicht auf Erfolg. Hüser warnte diesbezüglich vor allem auch vor einem "fürchterlichen Katastrophismus" seitens der Medien und Politik. Das war, wie gesagt, vor einem Jahr. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2005)
Zehn Jahre nach ihrem letzten Album kehrt nun die britisch-nigerianische Soulpop-Göttin der 1980er-Jahre zurück
Live-Präsentation des Labels Comfort Zone im Rhiz und Chris Cacavas im Chelsea, beides am Lerchenfeldergürtel in Wien
Die Finalrunde findet am 12. Februar im Rabenhoftheater statt - Zehn Finalisten bewegen siche zwischen "Arbeitsamt" und "Lokalverbot"
Michael Schade und Thomas Quasthoff im Wiener Musikverein
Dirigent Stéphane Denève kommt mit seinem Royal Scottish National Orchestra nach Wien - Ein Gespräch
Norwegische Jazzer kennen keine Angst vor Grenzüberschreitungen: So auch die 1970 in Oslo geborene Rebekka Bakken
Das US-amerikanische Multitalent Henry Rollins trat am Wochenende in Wien als Spoken-Word-Artist auf - Im STANDARD-Interview
Alle Tickets für das Finale des Songcontest am 29. Mai in Oslo sind bereits vergeben
Es gibt bereits 2.401 Sterne zwischen dem Hollywood Boulevard and der Vine Street - Mit Video
Start erst im Herbst - wegen Rückenverletzung
Saxophonist und Bandleader war Schlüsselfigur der britischen Szene - mit weltweiter Bekanntheit dank seiner Titelmelodie von "Mit Schirm, Charme und Melone"
Rahmenthema "Failed Revolutions"
Joshua Redman emanzipiert sich vom klassischen Jazz - Mit James Farm gastiert er am Montag im Wiener Konzerthaus: cooles Interplay, lockere Grooves
Les Musiciens du Louvre-Grenoble und die Philharmoniker in Salzburg
Aus Anlass der Olympischen Spiele in Vancouver: ein kleiner Rundgang zwischen Schrecken, erklecklicher Vielfalt und singulärer Pracht
Milliardenverluste bei britischem Traditions-Musikverlag
Zwei Männer in Anzügen, drei Gitarren. Mineralwasser und viel Text. Vor allem zwischen den Liedern. Die US-amerikanischen Songwriter John Hiatt und Lyle Lovett gastierten im Wiener Wuk
100 Künstler sind an der Benefiz-Aktion für die Erdbebenopfer von Haiti beteiligt
James Blood Ulmer gab am Montag im Porgy & Bess sein Geburtstagskonzert
Alter Schl8hof Wels - Er stand an der Wiege von Jazz, Rock und Soul und hat bis heute als Vater aller Popularmusik nichts an Strahlkraft verloren
Es gibt Alternativstandort
Neues von Velojet, Fehlfarben, den Magnetic Fields, Neoangin und - huch! - auch wieder von Shakespears Sister
ist übrigens in dem zusammenhang, dass viele durchdachte bzw. politische rapper (curse zb. oder saul williams) immer gern betonen, dass sie den gangsta rap eh sehr schätzen. umgekehrt wär mir das noch nie aufgefallen.
super in dem zusammenhang saul williams über 50 cent und black empowerment: 50 cent is a fucking maya angelou poem.
nach zu lesen im aktuellen the message magazin.
Deutscher Rap ist genauso politisch! Hansi Hinterseers Sprechgesang - einfach stylisch politisch, dass muss einfach jemand sagen, das Sprachrohr der unterdrückten Rentner!
Peace Hansi du blue eyed Bandit!
Und was die Kastelruther Rap - Spatzen für kritische Texte haben auch genial, im Vergleich zum "DJ Ötzi", der ist ja so konventionell - pimpig!
Aber ich will hier den Kritikern nichts vor machen, über Kunst kann man halt einfach nicht streiten, ääächt nicht! Hoff auf FM4 machen Sie auch mal Randgruppenprogramm Stoankogler oder so, weg vom Mainstream, hin to the roots!
In der Musik Vergleiche anzustellen finde ich nicht richtig, vor allem nicht NTM mit Sido oder so zu verlgleichen. HipHop hat geniale Wurzeln, aber es ist wie in der Politik oder sonst wo, überall werden Ämter und Positionen missbraucht um persönlich zu profitieren. Das haben auch in der Musik viele erkannt und HipHop in den Dreck gezogen. Hab übrigens vergangenes WE in Zürich Kurtis Blow gesehen, wobei wir wieder bei den Wurzeln wären, ohne Gewalt, nackten Frauen oder pimpig mit Geld zu protzen. Das von Magdalena mit Snap und Dr. Alban war hoffentlich nicht ernst gemeint!!
gibts noch immer, nur nicht auf MTV. Das kann man der Dismissed-Generation einfach nicht mehr zumuten.
http://www.publicenemy.com
mag sein, daß die irgendwo noch herumgrundeln. aber gerade im amerika des george b. hätte public enemy doch unendliches material für neue sachen. enttäuschend.
mtv schau ich nie (das reimt sich sogar). wird da überhaupt noch was anderes gesendet als klingelton-werbungen in endlosschleife?
Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.