"Egalite" als Mitauslöser für Benachteilung französischer Migranten

7. November 2005, 15:16
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Experten: Identität der Zuwanderer wird kaum berücksichtigt - Hohe Bildung steht niedrigen Chancen am Arbeitsmarkt gegenüber

Wien - Eines der ideologischen Grundprinzipien der französischen Republik, die "Gleichheit" (Egalite, Anm.) dürfte die Grundlage eines integrationspolitischen Fehlers in der "Grande Nation" für die Benachteiligung junger Migranten sein, sagten Expertinnen im Gespräch mit der APA. Ähnlichkeiten mit Österreich sehen sie nicht, da sowohl die Beschäftigungs- als auch die Wohnsituation viel besser seien.

"Einheitliche Sprache und Kultur"

Während etwa in Kanada in den Schulen auf die kulturelle Herkunft von jungen Einwanderern eingegangen wird, gibt es in Frankreich vor allem die allgegenwärtige Gleichheit, mit der eine "einheitliche Sprache und Kultur" geschaffen werden soll, sagte Barbara Herzog-Punzenberger vom Institut für europäische Integrationsforschung der Akademie der Wissenschaften.

Diese Form der Integration solle zwar den Jugendlichen mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt bieten, beraube sie aber ihrer Wurzeln, erklärte Herzog-Punzenberger. Ein weiteres Problem sei die hohe Bildungsrate der Migranten, die den sehr niedrigen Chancen auf dem Arbeitsmarkt gegenüber stünden. Dies sei etwa in Österreich anders: Zuwanderer hätten zwar verglichen mit Frankreich eine niedrigere Bildung, würden dafür aber leichter Jobs bekommen, die sie trotz der schlechten Bezahlung leichter akzeptieren würden.

Gerade bei dieser Schere zeige sich für französische Zuwanderer, wie unzureichend beim Thema Gleichberechtigung Realität und Anspruch miteinander in Verbindung stehen: "Die Jugendlichen fragen sich 'Warum funktioniert das nicht?'", sagte Herzog Punzenberger. In Österreich sei dieses Bewusstsein schlechter ausgeprägt.

Gänzlich anders ist hier zu Lande auch die Wohnsituation der Migranten, betonte die Leiterin der Wiener Magistratsabteilung 17 für Integrations- und Diversitätsangelegenheiten, Ursula Struppe. So gebe es etwa keine Bezirke, die rein einer ethnischen Gruppe zuordenbar seien. Auch in jenen mit hohem Ausländeranteil, etwa Rudolfsheim-Fünfhaus, gebe es eine Durchmischung unter den Migranten aus verschiedenen Herkunftsländern. Die Hoffnungslosigkeit "in diesen gesichtslosen Satellitenstädten scheint es ja in Wien nicht zu geben", meinte Struppe zu den Trabantenstädten rund um Paris.

In Wien werde auf den ethnischen Hintergrund der Jugendlichen eingegangen, erklärte sie. So gebe es 300 so genannte Parkbetreuer, die auf den öffentlichen Plätzen die - österreichischen oder zugewanderten - Jugendlichen aufsuchen. 20 Prozent von ihnen hätten selbst einen Migrationshintergrund.

Andrea Eraslan-Weninger, Geschäftsführerin des Integrationshauses in Wien, plädierte dafür, die Vorfälle in Frankreich "als Warnung zu nehmen", wie sie zur APA sagte. Auch hier zu Lande gebe es viele Bereiche, "um die man sich intensiver kümmern müsste".

Zudem hätten die Migranten "viel zu wenig Stimme", sagte die Integrationshaus-Geschäftsführerin. Dies wäre etwa mit dem in Wien geplanten Ausländerwahlrecht geschehen. Dieses war von der Stadtregierung geplant, vom Verfassungsgericht aber gekippt worden. (APA)

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