Kommissar DNA führt auf falsche Spur

14. November 2005, 13:16
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Ein jüngstes Beispiel zeigt: Die Methode des genetischen Finbgerabdrucks ist mit Vorsicht zu genießen

Der Fall schien klar: Das DNA-Muster des am Tatort gefundenen Spermas - Überreste eines Sexualverbrechens - stimmten mit dem eines berüchtigten Gewaltverbrechers überein. Das für die forensische Wissenschaft wirksamste Hilfsmittel zur Identifizierung einer Person - der so genannte genetische Fingerabdruck - versprach die rasche und zweifelsfreie Überführung des Täters. Einziger Schönheitsfehler: Der vermeintliche Vergewaltiger saß zur Tatzeit fest hinter Schloss und Riegel eines US-amerikanischen Gefängnisses. Als Täter kam er also nicht infrage.

Was war passiert, dass die als so sicher geltende Methode des genetischen Fingerabdrucks in diesem Fall heillos versagt hatte? Dass sich "Kommissar DNA" so getäuscht hatte und erst weitere Ermittlungen über die Vergangenheit des Verdächtigen den Fall lückenlos aufklären konnten? Ganz einfach: Dem vermeintlichen Täter war vor etlichen Jahren Rückenmark gespendet worden. Dadurch wiesen seine Zellen den genetischen Code seines Spenders auf - der wiederum als der wahre Schuldige des Verbrechens identifiziert werden konnte. Dass Knochenmarkspenden den genetischen Code des Empfängers verändern beziehungsweise sich mit diesem vermengen, bestätigten auch Forscher bei einem Treffen der US-Gesellschaft für Humangenetik in Utah. Und wiesen darauf hin, dass sich diese "Wanderung" der genetischen "Kennmarke" für die Gerichtsmedizin als fatal erweisen könnte. Denn auch bei Proben aus der Mundschleimhaut könnte sich - selten, aber doch - die eigene DNA mit der des Spenders überlagern. In Zeiten des rasanten Wachstums von DNA-Datenbanken und steigender Anzahl von Knochenmarkspenden eine Herausforderung für die Justiz.

Fatale Irrtümer

Denn wäre der vermeintlich Schuldige zur Tatzeit nicht bereits hinter Gittern gesessen, hätte ihn spätestens der DNA-Test dorthin verfrachtet. Ein Irrtum, der im Extremfall in der Todeszelle enden kann. Natürlich war und ist blindes Vertrauen in den genetischen Fingerabdruck (auch DNA-Profil oder "DNA-Fingerprinting" genannt) nie gerechtfertigt. Denn er gibt lediglich die Identität von Spurenverursachern preis. Das gefundene Haar, der abgebrochene Fingernagel können nachträglich am Tatort deponiert worden sein, um falschen Verdacht zu erregen. Die Zigarettenstummel mit Speichelresten am Ort des Grauens müssen nicht unbedingt vom Täter selbst stammen. Auch mangelnde Vorsorge im Labor kann zu Vertauschung oder Verunreinigung von Proben führen. Dennoch ist für die forensische Wissenschaft der genetische Fingerabdruck das wirksamste Mittel zur Identifizierung einer Person. Bereits aus winzigen Spuren mit Erbinformationen wie Blut, Schuppen, Haare oder Sperma können Experten das genetische Profil eines Menschen erstellen. Denn jede menschliche Zelle weist eine unverwechselbare Zusammensetzung der DNA auf, die sich im Zellkern befindet. Geringer als eins zu einer Milliarde ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine zweite Person das gleiche DNA-Muster besitzt. Nur eineiige Zwillinge verfügen über identische Erbanlagen. Es reicht bereits eine einzelne sichergestellte Zelle aus, um den genetischen Fingerabdruck zu erstellen. Dieser wird mittlerweile nicht nur in kriminalbiologischen Labors mittels PCR (polymerase chain reaction)-Verfahren ermittelt. Diese Methode zur Vervielfältigung genetischen Materials geht auf den Biochemiker Kary Banks Mullis zurück - was dem Forscher 1993 den Nobelpreis einbrachte. So wird PCR auch beim Vater-und Mutterschaftstests eingesetzt. Der Vergleich der genetischen Fingerabdrücke von Eltern und Kind erlaubt die Aussage über deren Abstammung. In der so genannten Food- Forensik werden mittels DNA-Profil die Verunreinigungen diverser Lebensmittel aufgespürt. Mittels PCR entpuppen sich hie und da auf der Verpackung angegebene hochwertigen Zutaten als billige Austauschprodukte. Die Identifizierung der Opfer der Tsunami-Katastrophe erfolgte ebenso mittels DNA-Analyse. Eine besondere Rolle nahm dabei das Institut für Gerichtliche Medizin der Universität Innsbruck ein: Die Innsbrucker Forscher und Forscherinnen konnten die DNA-Typisierung beträchtlich erweitern. Befürworter der DNA-Analyse betonen übrigens, dass die analysierten Bereiche der DNA nicht codierend wären, also keine Aussagen über Aussehen, ethnische Zugehörigkeit oder Gesundheit zulassen würden. In Holland ist man schon einen Schritt weiter gegangen: Dort kann man bald legal feststellen, ob der Täter aus Europa, Asien oder Afrika stammt. (Erika Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 11. 2005)

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