Wenn Zellen aus dem Ruder laufen

14. November 2005, 13:16
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"Genetische Fingerabdrücke" von Zellproteinen sollen Krebsdiagnose erleichtern

Krebserkrankungen werden nach Ansicht von Experten noch in diesem Jahrzehnt die Herz-Kreislauf-Erkrankungen als häufigste Todesursache in der westlichen Welt überholen. Die Erforschung jener Mechanismen, die eine gesunde Zelle zur Krebszelle entarten lassen, ist daher von ständig zunehmender wissenschaftlicher, aber auch menschlicher Bedeutung.

Das präzise Verständnis dieser Prozesse würde Wege für gezielte Therapien eröffnen. "Wir müssen die Falschspie- ler im Konzert des Organismus herausfinden und zum Schweigen bringen", beschreibt der Innsbrucker Zellbiologe Lukas Huber seine Forschungsarbeit an der Medizinischen Universität Innsbruck, einem der bedeutendsten Onkologie-Forschungszentren Österreichs. Dabei spielt der genetische Fingerabdruck der Zellproteine die Hauptrolle. Wesentlich komplexer aufgebaut als das Genom (DNA), umfasst das so genannte Proteom alle Proteine (Genprodukte) einer Zelle. Diese Genproduktion ist ein hochdynamischer Prozess: Pro Minute stellt jede Zelle mehrere hunderttausend Eiweißkörper her. Das Proteom ändert sein Profil daher ununterbrochen, im Gegensatz zum Genom, das in jeder Zelle eines Organismus dieselbe Information trägt.

Aber diese permanente Veränderung ist nicht das Problem. Krebs entsteht, wenn die Proteinproduktion plötzlich überaktiv wird. Dann ändert sich auch die Zusammensetzung der Eiweißkörper: "Aufgrund der Erkrankung zeigen Krebszellen ein anderes Proteinmuster als gesunde", erklärt Huber, der mit seinem Team von Histologen und Zellbiologen herausfinden will, welche Proteine typischerweise von erkrankten Zellen produziert werden. Der dabei ermittelte Protein-Fingerabdruck, hofft Huber, könnte die frühzeitige Diagnose von Krankheiten und die Entwicklung effizienter Medikamente erleichtern. Der Durchbruch steht dabei laut Huber allerdings nicht vor der Tür. Seit drei Jahren erforscht Hubers Institut zusammen mit weiteren Arbeitsgruppen in Wien und Graz diese hochkomplexen zellulären Vorgänge. Finanzielle Unterstützung für die interdisziplinäre "Proteomik-Plattform" kommt von Gen-Au, dem Genom-Forschungsprogramm des Wissenschaftsministeriums. Die erforderliche Infrastruktur wurde inzwischen so weit aufgebaut, um sich konkreten Projekten widmen zu können. Derzeit, so Huber, laufen "viel versprechende Screeningprogramme", mit denen man versuche, die Eiweiß- prozesse diagnostisch zu verstehen. Damit fände sich vielleicht die Erklärung, warum bei identischer Tumorform und Behandlung die eine Frau den Brustkrebs überlebe, die andere jedoch daran sterbe, sagt Huber.

Außerdem entwickelt die Proteomik-Plattform einen zuverlässigeren Prostata-Krebstest als den derzeit gebräuchlichen PSA-Test, dessen Fehleranfälligkeit bekannt sei: "Unser Test wird mehrere Marker berücksichtigen, womit automatisch die Zuverlässigkeit steigt." (rös/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 11. 2005)

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