"Fast noch in der Steinzeit"

7. November 2005, 14:30
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Mehr Frauen in der Forschung fordert eine neue Petition - Forschungslandschaft soll signifikant verändert werden

Wien - Forscherinnen fehlen in Österreich langfristige Berufsaussichten und Rollenvorbilder - von einigen wenigen Spitzenforscherinnen wie zum Beispiel Renée Schroeder und Hildegunde Piza abgesehen. So verwundert es kaum, dass nur 19 Prozent des gesamten Forschungspersonals Frauen sind und sich ihre Aufgaben primär auf administrative Tätigkeiten beschränken. Studienzahlen sprechen jedoch eine andere Sprache: 40 Prozent aller naturwissenschaftlichen Doktorratsstudien in Österreich werden von Frauen abgeschlossen. An der Medizin-Universität sind 60 Prozent der sich neu Einschreibenden weiblich.

Diesen Missstand der hierarchischen Segregation sollen acht Veränderungen in der österreichischen Forschungslandschaft beheben. Montag Vormittag wurde die entsprechende Petition im Rahmen der Kampagne "Forscherinnen-Empowerment", initiiert von IT Salon Pour Elle, in Wien präsentiert. Bisher haben über 150 ForscherInnen und VertreterInnen der Wirtschaft diese Forderungen unterschrieben, um durch veränderte Rahmenbedingungen den Frauenanteil in der Forschungslandschaft signifikant zu erhöhen.

Sichtbarkeit

Bei der Präsentation der Kampagne hob Gabriele Kotsis, Universitätsprofessorin am Institut für Telekooperation der Universität Linz, die Wichtigkeit einer PR-Kampagne hervor: Es müsse gezeigt werden, dass eine Karriere in der Forschung auch für Frauen möglich sei. Neben der Sichtbarkeit sieht sie die Einrichtung von Exzellenz-Zentren für Forscherinnen, zum Beispiel Laura-Bassi-Zentren, als dringende Notwendigkeit, um die weibliche Exzellenz anzusprechen.

Was den Leitungsbereich in der Medizin angeht, "sind wir fast noch in der Steinzeit", stellte Jeanette Strametz-Juranek, Universitätsprofessorin und Genderbeauftragte der Medizinuniversität Wien, fest. Dennoch sei sie aufgrund des Frauenförderprogramms inzwischen "positiv besonnen", was die Entwicklung an der eigenen Universität betrifft. Prinzipiell müssten frauenunfreundliche Strukturen geändert werden, um die Vereinbarkeit von Forschung und Kindern zu ermöglichen und so "das Potential und die Kreativität von Frauen für die Universität" auszuschöpfen.

Rahmenbedingungen

So fordert die Petition unter anderem flexible Arbeitszeit- und Gleitzeitmodelle, Meetings und Veranstaltungen in der Kernarbeitszeit sowie Home-Office-Möglichkeiten. "Lassen wir Familie und Privatleben zu", plädierte Tina Reisenbichler, Mitglied der Geschäftsleitung bei T-Systems Austria. Frauen müssten angesprochen und zurückgeholt werden. Denn die zwei "Drop-Out"-Phasen in den weiblichen Karriereverläufen - eine nach Abschluss des Studiums sowie eine nach der Babypause - würden dazu beitragen, dass der Frauenanteil in höheren Alterssegmenten immer stärker sinke, so Brigitta Piwonka, Initiatorin der Kampagne.

Gleichsam von allen Frauen am Podium betont wurde die Notwendigkeit bzw. Empfehlung einer Karriereplanung im Sinne einer Bewusstwerdung: Frau muss wissen, dass sie Karriere machen will, und die Netzwerke auf nationaler und internationaler Ebene nutzen.

Der weitere Weg der Kampagne? Die Petition wird den für Frauen- und Forschungsfragen zuständigen MinisterInnen übergeben. Dann ist die Politik am Zug ...
(Daniela Yeoh)

Laura Bassi

Laura-Bassi-Zentren sind naturwissenschaftlich-technische Forschungseinrichtungen, die Spitzenforschung in der technologieorientierten Grundlagenforschung betreiben. In einem Laura-Bassi-Zentrum ist der überwiegende Anteil des Personals weiblich. Die Führung selbst obliegt ausschließlich Frauen.

Die Idee ist nach einer Physikerin im Bologna des 18. Jahrhunderts benannt. Sie ist Teil des w-fFORTE-Programmes des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit zur Förderung von Frauen in Forschung und Technologie. Aktuell gibt es Laura-Bassi-Zentren nur auf dem Papier. Ihre Umsetzung soll vom Rat für Forschung und Technologieentwicklung noch in diesem November beschlossen werden. Die ersten Zentren könnten dann Ende 2006 eröffnet werden.

Die Forderungen der Petition umfassen u.a.

  • Kontrolle und Umsetzung eines paritätischen Frauenanteils, besonders in leitenden Funktionen
  • transparenter, gendergerechter Zugang zu Fördergeldern und sofortige Gleichstellung von Gehältern
  • langfristige Existenzsicherung von Forscherinnen über Einzelprojekte hinaus
  • Koppelung der Fördervergabe mit der Durchführung von Gender-Organisationsentwicklungs (OE)-Prozessen. Gender-OE-Prozesse bei den fördernden Stellen
  • Visibility: vermehrte Präsentation eines passenden Bildes von der weiblichen Forscherin
  • Gezielte Förderung von Forschungseinrichtungen nur für Frauen, z.B. Laura-Bassi-Zentren.
    • Bild nicht mehr verfügbar
      Die Kampagne "Forscherinnen- Empowerment" will den Frauenanteil in der Forschung signifikant erhöhen.
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