Fremde Feder: Unsere Staatsoper

7. November 2005, 10:30
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Oder doch: Staatsmythos Oper? - Von Caspar Einem

Seit 50 Jahren ist es wieder in Betrieb, das Haus am Ring, die Staatsoper. Und reich ist das Haus an Mythen und Anekdoten. Dass Menschen, bis hin zu solchen, die nie einen Fuß in dieses Haus gesetzt haben, geweint haben sollen, wie es brannte und dann in Schutt und Asche lag. Oder: dass nur in Österreich passieren eine Regierung ins Schwanken geraten kann, wenn der Staatsoperndirektor geht usw. Was ist dran an diesem besonderen Verhältnis der WienerInnen, der ÖsterreicherInnen zu ihrer Oper? Warum gelingt gerade dieses Fest des Erinnerns im von der Regierung ausgerufenen Gedenkjahr so gut?

Kann es sein, dass die Oper – wie die Staatsoper auch kurz genannt wird – das einzige Symbol einstiger Größe Österreichs d a s Symbol der Größe geworden ist, die auch heute noch viele vermissen, der sie nachtrauern? Kann es sein, dass es die Unschuld der Musik ist, die Österreich geholfen hat, Selbstbewusstsein zu bewahren – Selbstbewusstsein auch nach dem Ende des großen Kaiserreichs in der kleinen, nicht gerade geliebten ersten Republik und auch Selbstbewusstsein, angenehmes Selbstbewusstsein auch nach Ende der Nazizeit und dem von Hitler ausgelösten zweiten Weltkrieg?

Es spricht vieles dafür, dass die Staatsoper genau aus diesen Gründen zum Symbol geworden ist und zugleich auch vieles mitschwingen hat lassen, was den Umgang mit der eigenen Vergangenheit erleichtert, ja geradezu verschönt hat. An diesem Symbol lässt sich vergessen, wer den Krieg begonnen und wie viele Hitler zugejubelt und an seinen Verbrechen teilgenommen haben. Denn es waren die Amerikaner, die dieses Symbol Österreichs zerstört haben. Es lässt sich vergessen, welche Rolle Richard Strauss, Karl Böhm, Herbert von Karajan und andere Musiker im Dritten Reich gespielt haben. Es lässt sich vergessen, dass Josef Krips, einer der Schöpfer des Wiener Mozartstils in der Staatsoper, zuerst im Ausweichquartier im Theater an der Wien, dann im Haus am Ring – weil Jude – mit kühler Zurückhaltung aufgenommen wurde, dass die geliebten Wiener Philharmoniker ihre jüdischen Mitglieder verraten und weit in die zweite Republik einen ehemaligen SS-Offizier als Geschäftsführer gehabt haben. Denn es ging doch um Österreichs Kultur, um die Musik, um Österreichs Größe. Um unsere gemeinsam Oper. Die Staatsoper als unsere wahre und unschuldige Geschichte.

Tatsächlich gibt es kaum einen besseren Ort für den Mythos von Österreichs Größe und Österreichs Unschuld. Und es gibt kaum einen Ort, an dem man lieber vergessen würde, dass die Vergangenheit anders war. So lange der Staatsoperndirektor bloß den eisernen Vorhang verhängen lässt, weil das darauf angebrachte Bild von einem ausgewiesenen Nazi angefertigt wurde, kann man damit leben. Sehr viel weiter wollen wir nicht schauen müssen. Lassen wir doch einfach die Musik sprechen!

Aber sie spricht bloß für sich.

P. S.: Beim gleichen Bombenangriff, der die Staatsoper zerstörte, starben gleich nebenan im Philipp-Hof mehr als 200 Menschen im Luftschutzkeller.

P. P. S.: Was soll uns da die Tatsache noch berühren, dass der Vizekanzler dieser Republik glaubt, die Beschäftigten der ÖBB, weil 2006 Wahlen sind, einfach ihrer Rechte berauben zu können. Eisenbahner sind in seinen Augen keine Arbeitnehmer wie andere auch. Ob das die anderen Arbeitnehmer auch so sehen?

"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für KommentatorInnen von außen. Caspar Einem, ehemaliger Wissenschafts-, Verkehrs- und Innenminister ist derzeit Europasprecher der SPÖ und Vorsitzender des Bundes sozialdemokratischer AkademikerInnen.
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