Pressestimmen: "Zerstörungswut"

8. November 2005, 11:04
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"Telegraph": Junge Einwanderer im Stich gelassen - "The Independent": Unruhestifter vergrößern nur Leid ihrer Gemeinschaften

  • Die konservative britische Zeitung "The Daily Telegraph":

    "Wir sehen das Scheitern des Vertrages zwischen dem Staat und der größten Einwandererbevölkerung Europas. Dieser besagt einerseits, dass die Einwanderer sich strikt an die Gesetze und Bräuche des Landes anpassen müssen, ohne Ausnahmen für religiöse Gemeinschaften. Im Gegenzug sollen sie die Vorzüge des Lebens in einer Republik genießen können, die auf den revolutionären Idealen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit basiert. (...)

    Doch der Staat hat sich nicht an die Abmachung gehalten. Die erste Einwandergeneration kam in einer Zeit, als dringend ausländische Arbeitskräfte gebraucht wurden. Die zweite und dritte Generation fühlt sich ohne Arbeit in den Einwanderervierteln gefangen, die für ihre Eltern und Großeltern gebaut wurden. Außerdem sind die Arbeitslosen abhängig von Sozialhilfe. Diese beiden Faktoren rufen ein Gefühl der Hilflosigkeit hervor, welches wiederum Hass gegen den Staat erzeugt."

  • "Tages-Anzeiger" (Zürich): "Das Land wird von einer Zerstörungswut sondergleichen erschüttert, und der Präsident spricht eilig ein paar Worte in die Kameras. Man fasst sich an den Kopf. Frankreich ist in einem erbärmlichen Zustand. Die öffentliche Ordnung ist dahin, das republikanische Integrationsmodell ist erschöpft, und die Kassen sind so leer, dass eine fantasievolle Sozialpolitik unfinanzierbar erscheint. (...) Die Krawalle in den Vorstädten sind nur das jüngste sichtbare Zeichen für einen Niedergang, an dem Jacques Chirac maßgeblich beteiligt ist."

  • Die konservative Pariser Tageszeitung "Le Figaro": "Frankreich zahlt heute für seine Arroganz in der Vergangenheit. Sein berühmtes Modell der Integration fällt in den Augen der Weltöffentlichkeit in sich zusammen. In den Vorstädten zeigt sich das Versagen der Politik der letzten 40 Jahre. Auch wenn man dies nicht Krieg nennt, so steckt Frankreich tief im Morast seiner Widersprüche und Ungereimtheiten.

    Allzu oft wurden die Probleme der sozialen Randviertel mit Demagogie statt mit Vernunft behandelt. Es wurden Notprogramme verkündet, doch die Mittel dafür waren nie ausreichend. Es ist eine Illusion zu glauben, dass einige technische Maßnahmen vielen eingewanderten Franzosen Hoffnung auf eine bessere Zukunft geben werden. Stattdessen sollte man die Verantwortung für die Rechte und Pflichten aller stärken."

  • Die "Basler Zeitung": "Es ist kein Tsunami und kein Hurrikan, der in diesen Tagen Frankreich verwüstet. Keine Naturkatastrophe richtet diese Millionenschäden an. Alles ist durch menschliches Zutun respektive Nichtstun verursacht. Trotzdem: Auch hier sind Dämme gebrochen, auf die man blind vertraute. Solange sie noch zu halten versprachen, investierte man lieber anderswo. Das rächt sich jetzt."

  • Die römische Zeitung "La Repubblica": "Der Feuerschein, der die französischen Nächte erhellt, zeigt uns die Grenzen der Integrationsmodelle für die Einwanderer, die bisher in Europa galten. Die Attentate von London und der Mord an Theo van Gogh haben eine Krise des Multikulturalismus offenbart (...). Es reicht heute nicht mehr, (einem Einwanderer) die Staatsbürgerschaft zu gewähren, wenn dann die Rechte, die sich daraus ergeben, wegen der sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit nicht ausgeübt werden können (...). Anders als ihren Vätern (...) reicht es den Brandstiftern von Aulnay und Clichy nicht, Franzosen zu sein; sie fordern Zugang zu jener Tür zur Modernität, die ihnen fast immer verschlossen bleibt."

  • Die französische Wirtschaftszeitung "La Tribune":

    "Man hat nicht darauf geachtet, dass seit mehreren Jahren viele Vorstädte eine Organisation am Rande der Gesellschaft gefunden haben. Es gibt dort rechtlose Zonen, die von lokalen Mafias beherrscht werden. Diese nutzen die wehrlose Menschen und Einrichtungen aus, um einen Schwarzmarkt zu entwickeln, der auf dem Drogenhandel, illegalen Geschäften aller Art und der Schwarzarbeit beruht. Jetzt ist der Dampfkessel explodiert. Für (Präsident) Jacques Chirac ist die Lage nicht einfach. Auch die besten Lösungen für soziale Problemviertel brauchen Zeit, um zu wirken. Und Wundermittel gibt es nicht."

  • Die liberale britische Zeitung "The Independent" (London) : "Es gibt verschiedene Ursachen für diese Nächte der Zerstörung. Dem harten, oft brutalen Vorgehen der Polizei in den Armenvierteln muss einiges an Schuld zugeschrieben werden. (...) Wirtschaftliche Not ist auch ein Grund. Die Gewalt konzentriert sich in Gegenden, wo die Arbeitslosigkeit zwei Mal so hoch ist wie im Landesdurchschnitt.

    Eines ist sicher: Die Unruhestifter vergrößern nur das Leid ihrer Gemeinschaften. Die Demonstrationen in den Pariser Vororten gegen die Gewalt sind ein Zeichen, dass es so nicht ewig weitergehen wird. Die Unruhen werden enden, aber die tiefen sozialen Gräben werden bleiben. Auf jeden Fall so lange, bis Frankreich ernsthaft beginnt darüber nachzudenken, wie man sie beseitigen kann."

  • Die spanische Zeitung "La Vanguardia" (Barcelona): "Der soziale Flächenbrand in Frankreich ist eine chronische Krise, die das Land seit Jahrzehnten mit sich herumschleppt. Die Ursachen sind längst bekannt. Die Diagnose ist eindeutig, aber man weiß nicht, welche Therapie anzuwenden ist. Das französische Modell der Integration ist gescheitert.

    Anders als früher bei den Gastarbeitern aus Italien, Spanien und Portugal ist es nicht gelungen, die Kinder der afrikanischen Zuwanderer in die Gesellschaft einzugliedern. Aber auch das andere Modell - das britische Modell einer multikulturellen Gesellschaft - ist mit den Anschlägen von London buchstäblich in die Luft geflogen. Welches Modell soll man nun anwenden?" (APA/dpa)

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