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Montag, Wintertag

8. November 2005, 21:06
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Keiner weiß, wann er wirklich kommt und was er heuer mit uns vorhat

Wir können die Intensität von Zeiten gut daran messen, ob sie gerade auf uns zukommen oder ob sie bereits da sind. Schlechte Zeiten wirken paradoxerweise gegenwärtiger, wenn sie uns bevorstehen. Wenn wir in ihnen stecken, spüren wir sie oft gar nicht mehr, weil wir uns bereits voll auf die besseren Zeiten konzentrieren, die sich ja auch wieder einstellen müssen. Wer's nicht glaubt, beobachte bitte die Börse: Werden schlechte Tage erwartet, fallen die Kurse. Sind die schlechten Tage einmal da, klettern die Kurse wieder hinauf.

Verzeihen Sie die lange Einleitung, eigentlich geht es uns heute um den Winter. Keiner weiß, wann er wirklich kommt, wie lange er bleiben wird, was er heuer mit uns vorhat. Aber es gibt im Jahr exakt zwei kalendarische Aussichtswarten mit sternenklarer Sicht auf ihn. Am ersten Werktag nach dem Dreikönigstag, wenn sich der letzte Weihnachtsschleier verzogen hat, steht uns des Winters zweite Halbzeit bevor. Und heute, am ersten Montag nach Allerheiligen, endet die mentale Übergangsfrist, da gibt der Herbst in uns den Löffel ab. Jeder Ausblick nach vorne ist ein tiefer Einblick in den Winter. Fazit: Intensiver als heute werden wir ihn nicht mehr spüren. - Klingt doch tröstlich, oder? (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe, 07.11.2005)

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