Analyse: Imamrufe und Staatsweisungen

6. November 2005, 20:13
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In Aserbaidschan kandidierten Islamgelehrte für die Opposition - Wahabiten: Gefahr für Radikalisierung oder politischer Kampfbegriff?

Die Juma-Moschee in der kleinen Altstadt von Baku mag halbfiktiver Bauarbeiten wegen rundum mit einem hohen Wellblechzaun versperrt sein, zur Mittagsstunde tönt aus einem Lautsprecher der Aufruf zum Gebet. Es ist das Zugeständnis der Regierung an Ilgar Ibrahimoglu, dem vielleicht populärsten Imam des Landes, den sie nach den Unruhen im Gefolge der umstrittenen Präsidentschaftswahlen vor zwei Jahren aus seiner Moschee warf und dem sie auch eine Kandidatur bei den Parlamentswahlen am vergangenen Sonntag verwehrt hat.

Vorwand Laizität

"Unsere Regierung hat ein Problem mit der Idee der Demokratie im Land", behauptet Ibrahimoglu. Unterstütze ein Muslim das "monarchische System", so sei das in Ordnung, meint der Imam in Anspielung auf Staatschef Ilham Aliew, der 2003 seinem Vater Haidar im Amt nachfolgte; "unterstützt ein Muslim demokratische Ideen, dann ist das ein Problem. Dasselbe gilt hier für Geschäftsleute." Aserbaidschans Regime suche noch nach einem Gleichgewicht zwischen Islam und Staat, meint der Politikwissenschafter Bayram Balci. Sobald Führer der muslimischen Gemeinschaft auf die politische Bühne wollen, halte der Staat das Schild der Laizität hoch, um den Islam zu kontrollieren und seinen Einfluss auf Parlament und Parteien einzudämmen. Dieses Rezept funktioniert natürlich nur eine beschränkte Zeit: Unterdrückt ein Regime zu sehr die politische Freiheit und setzt sich dazu noch dem Vorwurf der Immoralität aus, weil es krasse soziale Ungleichheit und Korruption duldet, haben islamische Prediger Zulauf.

"Je stärker wir in der politischen Arena besiegt werden, umso stärker werden die Islamisten", sagt Nariman Gasimoglu, ein liberaler Islamgelehrter. Gasimoglu kandidierte auf der Liste des Oppositionsblocks "Asadlyg" (Freiheit) in Sumgait, einer Industriestadt auf der Halbinsel Abscheron, eine halbe Autostunde entfernt von Baku. Aserbaidschan habe bereits eine Menge Probleme mit religiösem Fanatismus, sagt Gasimoglu, der jeden Freitag eine Islamsendung im Fernsehen moderiert und selbst Morddrohungen erhielt.

Regierung wie Muslimführer aus den Reihen der Opposition sind sich einig, dass Wahhabiten, streng sunnitische Prediger aus dem Golf und dem benachbarten Tschetschenien, die größte Gefahr für eine Radikalisierung junger Muslime im Land sind. Bakus Abu-Baker-Moschee zählt zu den wenigen sichtbaren Versammlungsorten der Wahhabiten, deren Zahl auf etwa 5000 geschätzt wird.

Vorwiegend Schiiten

Doch "Wahhabit" ist zugleich ein politischer Kampfbegriff, um missliebige Oppositionelle wie etwa Ibrahimoglu auszuschalten, der unter anderem als angebliches Al-Kaida-Mitglied kurze Zeit ins Gefängnis gesteckt wurde - "irgendjemand muss ihnen erklärt haben, dass Ilgar Ibrahimoglu ein Schiite ist und Al-Kaida wahhabitisch", meint der Imam ironisch. Aserbaidschan ist überwiegend schiitisch, aufgrund seiner sowjetischen Vergangenheit aber laizistisch geprägt.

Die mittlerweile verbotene Islam-Partei Aserbaidschan (IPA) wird vom Iran unter stützt, wo im Westteil des Landes etwa 20 Millionen Aserbaidschaner leben. Hadji Nura Agha, der Chef der IPA, durfte am Sonntag nach langem juristischen Streit doch kandidieren - als unabhängiger Kandidat auf der Liste eines Oppositionsbündnisses. (DER STANDARD, Printausgabe 7.11.2005)

Von Markus Bernath aus Baku
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    Ilgar Ibrahimoglu wurde eine Kandidatur bei den Parlamentswahlen am vergangenen Sonntag verwehrt.

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