Der zornige junge Mann aus der Vorstadt

21. November 2005, 14:39
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Wer sind die Jugendlichen, die um die Wette Autos abfackeln, Metallkugeln aus Hochhäusern werfen und Kindergärten zerstören?

"Ich habe nichts zu gewinnen, nichts zu verlieren, nicht einmal das Leben. Ich liebe nur den Tod in diesem Scheißleben, ich liebe alles, was zerstört und was kaputt ist. Vor allem aber liebe ich das, was euch Angst macht: den Schmerz und die Nacht": Es ist schon über 20 Jahre her, dass der Sänger Renaud in seinem Chanson "Deuxième Génération" einem verzweifelten Vertreter der zweiten Einwanderergeneration in Frankreich seine Stimme verliehen hat.

Inzwischen ist aus der "deuxième génération" oft schon die dritte geworden, die soziale Perspektivlosigkeit des "Banlieusard" aber ist dieselbe geblieben wie 1982, als Renaud sein Lied schrieb. Die unter immer neuen Namen firmierenden Notfallpläne für die urbanen Krisenzonen sind einer nach dem anderen gescheitert. Die Zerstörungsorgie, die seit eineinhalb Wochen die Vorstädte erschüttert und inzwischen ganz Frankreich überzieht, stellt den staatlichen Integrationsingenieuren ein vernichtendes Zeugnis aus.

Wer sind nun diese Jugendlichen, die um die Wette Autos abfackeln, Metallkugeln aus Hochhäusern werfen und Kindergärten kurz und klein schlagen? Viele französische Medien bemühen sich in diesen Tagen, einzelne Jugendliche aus den anonymen Massen herauszufiltern und in Miniaturbiografien vorzustellen, um ihre Wut und ihre Destruktionslust begreiflich zu machen.

Das Phantombild zeigt einen Rebellen im Alter zwischen etwa zwölf und zwanzig Jahren. Er stammt aus einer Familie, die vor einer oder zwei Generationen zumeist aus Nordafrika eingewandert ist, aber nicht selten hat er den Kontakt zu seinen Verwandten abgebrochen und ist hauptsächlich mit Gleichaltrigen unterwegs.

Die Sprache, die er spricht, heißt Verlan, ein für Außenseiter kaum zu durchdringender Slang, bei der die Silben der Wörter kunstvoll verdreht werden. Seine bevorzugte kulturelle Ausdrucksform ist die Rapmusik, die in den Vorstadtgettos einen nahrhaften Boden gefunden hat.

Seine beruflichen Aufstiegschancen sind gleich null. Der Besuch eines teuren Lycée oder einer "Grande Ecole", immer noch die beste Eintrittskarte in die gesellschaftliche Führungsschicht Frankreichs, kommt für ihn so gut wie nie in Betracht, Karrieren wie die von Integrationsminister Begag, der es aus der Banlieue in die Regierung geschafft hat, sind rare Ausnahmen, nicht die Regel.

Und so pendelt denn der junge Banlieusard zwischen Arbeitslosigkeit und Niedriglohnjobs hin und her, und nicht selten kommt er wegen Drogendelikten, Sachbeschädigungen oder Körperverletzungen mit der Polizei in Konflikt. Eine Generation ohne Zukunft: keine Perspektive, nur "der Schmerz und die Nacht". (Christoph Winder/DER STANDARD, Printausgabe, 7.11.2005)

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    Jugendliche ohne Zukunftsperspektive: Frankreichs "Banlieusards".

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