Reiten, eine Überlebenskunst

11. November 2005, 16:31
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Weltmeister und Olympiasieger Franke Sloothaak geht auf seinen dritten GP-Sieg in Folge los und übt harsche Kritik am internationalen Verband

Wien - Wenn Franke Sloothaak durch jenen Teil der Stadthallen-Garage marschiert, den sie wie jedes Jahr Anfang November in einen Stall verwandelt haben, dann stellen sich Pferde- und Reiter-narrische Groupies um Autogramme an. Sloothaak (47) ist der Star des 20. Fests der Pferde, er war 1996 Solo-und Team-Weltmeister, war zweimal Team-Olympiasieger (1988, '96). Nebenbei hat er, wie man hört, beim Reiterball am Freitagabend so gute Figur gemacht, dass die Groupies jetzt erst recht aus dem Häuschen sind. Sie sehen auch darüber hinweg, dass Sloothaak selbst nur Augen und Tanzbeine für seine Sabine hat.

Am Samstag war Sloothaak in einem Zeitspringen nicht zu schlagen, und am Montag geht er auf seinen dritten Wien-GP-Erfolg in Folge los. Den Wiener Veranstaltern, sagt er, sei er im Wort gewesen, also verzichtete er auf Verona und das dortige Weltcup-Turnier, wo mehr Geld zu verdienen gewesen wäre. Sloothaak betreibt in Borgholzhausen (zwischen Bielefeld und Osnabrück) eine eigene wunderschöne Anlage, er findet sein Auslangen. "Doch für die meisten Reiter und Turnierveranstalter ist das Überleben sehr schwierig geworden", sagt er.

Sloothaak selbst hat sich als Sportdirektor der "Baltic Horse Show" in Kiel zuletzt mit dem internationalen Verband (FEI) angelegt. Die FEI pflegt von jedem Veranstalter eines internationalen Turniers Gebühren zu kassieren, Sloothaak hat sein Turnier einfach ein "nationales" genannt, sich die Gebühren gespart, jedoch sehr wohl Reiter aus ganz Europa eingeladen. Er verweist auf das "Recht auf freie Wahl des Arbeitsplatzes" und sagt: "Es kann nicht sein, dass Europa achtzig bis neunzig Prozent der FEI-Gebühren zahlt und dass zum Beispiel Amerika viel billiger davonkommt. Die Kosten werden immer höher, immer mehr Veranstalter müssen zusperren, immer mehr Reiter hören auf, doch ohne Reiter kein Turnier."

Ohne Pferde wiederum keine Reiter. Diesbezüglich ist Deutschland, wo der gebürtige Niederländer als 18-Jähriger heimisch wurde, gesegnet. Und seit sich tiefgefrorene Ejakulate in die ganze Welt verschicken lassen, profitieren laut Sloothaak "auch diverse andere Nationen", zum Beispiel Mexiko und Italien, vom Potenzial deutscher Zuchthengste. Deshalb ist Sloothaak zunächst auch dem Thema Klonen skeptisch gegenüber gestanden, er sieht sowohl Gefahren als auch Chancen. "Doch am Ende wird man die Entwicklung nicht aufhalten können." So hat auch Sloothaak, wie Hugo Simon, seine Meinung geändert. Und es ist also davon auszugehen, dass sich Sloothaaks Wallach Joli Coeur in absehbarer Zeit "fortpflanzen" wird. (Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE 7.11. 2005)

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