Österreich: Streetwork statt Ghettoisierung

15. November 2005, 08:20
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Experten halten Krawalle nicht für wahrscheinlich - Auch Integrationsstadträtin Wehsely sieht keine Parallelen zwischen Wien und Paris

Wien - "In Österreich wären Ausschreitungen wie in Frankreich nicht möglich", ist Bülent Öztoplu, der Leiter des Wiener Integrationsvereins "Echo", sicher. Die Grundstimmung sei hier zu Lande nicht so angespannt, und es gebe keine ausgeprägte GettoBildung wie in Frankreich.

Anfang der 90er-Jahre habe es Probleme mit Jugendbanden gegeben. Doch die Zeiten, in denen die "Zentrumspartie" in den Prater fuhr, um sich lebensgefährliche Schlachten mit den mit türkischen "Red Brothers" zu liefern, sind vorbei. Die Polizei richtete damals ein eigenes Bandenreferat ein, gemeinsam mit Sozialarbeitern bekam man die Szene in den Griff.

Funktionierendem Streetworking sei unter anderem zu verdanken, dass es in Wien nicht zu einer Gettoisierung komme, sagt die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits. "Natürlich gibt es einige Bezirke wie den 15., wo es zu wenig Mischung gibt." Man müsse den integrationswilligen Menschen aber auch gesellschaftspolitische Signale geben. "Wenn jemand schon seine Staatsbürgerschaft aufgeben will, um Österreicher zu werden, dann heißt das doch auch etwas."

Job-Frust

Jugendliche mit Migrationshintergrund müssten auch mit sehr frustrierenden Erlebnissen zurande kommen, sagt Öztoplu. Wenn etwa die Chancen bei der Jobsuche schwinden, weil sie einen fremd klingenden Namen haben. Dort müsse man ansetzen, meint auch der Innsbrucker Erziehungswissenschafter Bernhard Rathmayr und plädiert für ein stärkeres Engagement der öffentlichen Hand: für nachholende Bildungsprogramme, kombiniert mit öffentlich subventioniertem Freizeitangebot, öffentlichen Jugendzentren, die sich auch um Jobvermittlung kümmern.

Auch für Rathmayr gibt es in Österreich derzeit keine Voraussetzungen für Jugendunruhen. Eine einigermaßen homogene ethnisch-kulturelle Jugendidentität wie die maghrebinische in Frankreich sei bei uns nicht gegeben.

"Ausländische jugendliche Underdogs sind nicht so stark ethnisch separiert von einheimische, oder sie befinden sich in einer Art Diaspora", sagt der Pädagoge. Zweitens sehe er nicht, so Rathmayr, dass benachteiligte Jugendliche in Österreich eine Vernachlässigung im selben Ausmaß kollektiv wahrnehmen. Die Frage sei immer, "ob sie ihre Benachteiligung auch als solche erfahren".

"Beweis, dass Worte schon Gewalt sind"

Die Wiener Integrationsstadträtin Sonja Wehsely (S) sieht "keine Parallelen" zwischen Wien und Paris, was mögliche Ausschreitungen von jugendlichen Migranten angeht. Man mache hier zu Lande "generell eine andere Integrationspolitik", sagte die Politikerin. Die französischen Vorkommnisse, seien zudem "ein Beweis, dass Worte schon Gewalt sind", meinte sie in Anspielung auf die Äußerungen von Innenminister Nicolas Sarkozy, der die Gewalttäter als "Schurken" und "Pack" bezeichnet hatte.

Kritisch sei hingegen die starke Zunahme der Sozialhilfeempfänger in der Bundeshauptstadt. Seit 2000 habe sich diese Zahl verdoppelt, sagte Wehsely. Auch die Kürzungen im Bildungsbereich seien negativ. Es brauche mehr Lehrer für Klassen mit hohem Ausländeranteil. Dies habe auch die Landeshauptleutekonferenz festgestellt. (red, bs, fern/DER STANDARD, Printausgabe, 7.11.2005)

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