"Mit dem Turnen erwachsen werden"

10. November 2005, 13:31
4 Postings

Über Carina Hasenöhrl, die von Klagenfurt nach Rumänien übersiedelte, als sie 13 war. Über die Ziele, die Hoffnungen und Probleme österreichischer Turner und Turnerinnen

Wien - Carina Hasenöhrl hat immer schon gewusst, was sie will. Als sie sieben Jahre alt war und mit dem Turnen begann, wusste sie: "Ich will wirklich gut werden." Als sie 13 war, wusste sie: "Ich will nach Rumänien, dort kann ich besser trainieren." Mit 16 stand fest: "Ich will nach Holland, dort hab ich gute Möglichkeiten." Nun ist Carina Hasenöhrl 17 und sagt: "Ich will bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking ins Mehrkampf-Finale."

Von der Hopsagasse bis Peking ist's ein weiter Weg. In der Hopsagasse, im Sportzentrum Wien-Brigittenau, fanden am Wochenende die österreichischen Meisterschaften im Kunstturnen statt. Hasenöhrl nützte die Gelegenheit zu einem Abstecher in die Heimat und zu drei Titelgewinnen, sie siegte im Mehrkampf, beim Sprung und am Boden. Die Klagenfurterin steht für den Aufschwung im heimischen Turnsport, sie hat heuer als erste Österreicherin ein EM-Mehrkampf-Finale erreicht, in Debrecen Rang 21 belegt. Auch im Weltcup gab's teils sensationelle Erfolge für Hasenöhrl, Sandra Mayer und Tanja Gratt. Aus etlichen Final-Platzierungen ragte zuletzt Mayers dritter Sprung-Rang in Marburg heraus.

"Man muss sich zeigen"

Johanna Gratt, Tanjas Mutter, ist Nationaltrainerin, sie betont die Wichtigkeit der Weltcup-Teilnahmen. "Man muss sich international zeigen, muss präsent sein." Es geht darum, sich bei den Kampfrichtern einen Namen zu machen, die beurteilen schließlich nicht nur den technischen, sondern auch den künstlerischen Wert einer Übung. Bei jedem Gerät sitzen sechs Juroren an einem Tisch, unter den die höchste und die niedrigste Bewertung fallen, woraus sich ein Mittelwert aus vier Noten ergibt. Die Traumnote 10 indes, erstmals bei Olympia 1976 von Nadia Comaneci erreicht, ist bald schon Geschichte, ab 2006 sollen zwei Noten für Schwierigkeitsgrad und Ausführung/ Stil addiert werden. Statt Höchstnoten gibt's dann Weltrekorde, das sollte sich besser verkaufen lassen.

"Ein Teil der Bewertung wird immer subjektiv bleiben", sagt Gratt. Bei der WM (ab 21. November, Melbourne) wird Österreich von den drei schon erwähnten Turnerinnen sowie von Marco Baldauf und Mario Rauscher vertreten. Das Ziel umreißt Trainerin Gratt wie folgt: "Sie sollen ihr Potenzial ausschöpfen." Platzierungen lassen sich schwer voraussagen, nach Olympia 2004 haben etliche Aktive ihre Karriere beendet, so könnte sich für Hasenöhrl vielleicht sogar ein Platz im Mehrkampf-Finale ausgehen.

Dort

Daheim in Klagenfurt ist Carina seinerzeit von einem Rumänen trainiert worden, er ging dann zurück nach Rumänien, und Carina ging mit. "Für meine Mutter war's nicht einfach. Aber sie wollte mir nichts in den Weg legen. Und sie hat gewusst, wie's dort ausschaut." Dort, das war ein Internat in Deva, Hasenöhrl lernte Rumänisch, ging in die Schule, teilte sich mit mehreren Kolleginnen ein Zimmer. Nach zweieinhalb Jahren wurde ihre Trainingsgruppe aufgelöst, daheim in Klagenfurt hielt es sie nicht lang, sie besorgte sich Infos über Vereine in den Niederlanden, nahm Kontakt auf, zog zunächst nach Alkmaar, dann nach Zoetermeer, lernte Holländisch ("schwieriger als Rumänisch").

In Zoetermeer hat Hasenöhrl eine Zeitungsannonce aufgegeben und so eine Gastfamilie gefunden, sie wird heuer den ersten Teil und nächstes Jahr den Rest ihrer Matura ablegen und "auf jeden Fall in Holland bleiben, solange ich turne". Die Einstellung ihres Trainers Frank Louter, sagt Carina, sei beispielhaft. "Viele Turnerinnen sind mit 18 noch Kinder. Aber Frank will, dass seine Turnerinnen mit dem Turnen erwachsen werden. Und dass wir dann erwachsen turnen." Heimweh verspüre sie selten. "Es steckt schon ein Zigeuner in mir. Aber wirklich daheim bin ich nur in Klagenfurt. Und natürlich ist jedes Wiedersehen mit der Familie ein richtiges Fest."

Bekenntnis zur Leistung

Die Turner, deren Zentren hier zu Lande in Linz, St. Pölten, Wien, Klagenfurt und Dornbirn liegen, wollen ihr Ansehen in der Öffentlichkeit heben. "Das geht", sagt Teamtrainerin Gratt, "nur mit Erfolgen." Vor knapp vier Jahren hat sich der Verband (ÖFT) entschlossen, ein klares Bekenntnis zum Leistungssport abzulegen. Die besten Turner werden in Kader zusammen gefasst, und andere, die nur ein- bis zweimal pro Woche trainieren, messen sich unter einander. Wichtig wär's, mit Schulen künftig nicht, wie in anderen Sportarten üblich, erst ab der Oberstufe, sondern früher zu kooperieren.

Immerhin wurden viele der in der Hopsagasse vergebenen Pokale von Ministern, Nationalräten und Bezirksvorstehern gespendet. Immerhin ertönte zum Abschluss der Titelkämpfe die Bundeshymne. Immerhin gab's beim Weltcup in Marburg für drei Final-Teilnahmen insgesamt 1200 Schweizer Franken Preisgeld. "Leben werd ich vom Turnen nicht können", sagt Carina Hasenöhrl. Aber auch das hat sie immer schon gewusst. (Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE 7.11. 2005)

Share if you care.