Kartnig: Abschied des letzten Fürsten

9. November 2005, 00:10
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Hannes Kartnig führte fast 14 Jahre lang als Präsident Sturm Graz, bei der Generalversammlung am Dienstag will er abtreten

Das Amt soll dem Spediteur Carlo Platzer übergeben werden. Es wird eine interessante Sitzung und Kartnig Ehrenpräsident.

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Wien/Graz - Am witzigsten war sein Aquariums-Hai. Am bittersten wahrscheinlich der Abschied von Ivica Osim, der Sturm zu zwei Meistertiteln (1998, 1999) coachte. Und zu drei Cupsiegen (1996, 1997 und 1999) sowie drei Champions-League-Teilnahmen (1998/99 bis 2000/01). 2000/01 gastierte Sturm in der Zwischenrunde, davon kann die Liga nur noch träumen.

Kartnig: "Der schönste Augenblick war der erste Meistertitel, als in allen Wirtshäusern gefeiert wurde und 100.000 vom Stadion zum Rathaus gezogen sind." Samstag verlor Sturm im halb leeren Schwarzenegger-Stadion 0:2 gegen Mattersburg und drei Spieler durch Ausschluss.

Zeit zu gehen. Was hat sich seit 1992 am stärksten geändert? Kartnig: "Die Gesetzeslage. Die Spieler haben die Macht übernommen seit dem Bosman-Urteil. Jeder hat einen Manager, das ist ein Wahn. Menschenhändler und Vermittler diktieren die Preise, die Vereine haben nichts mehr zu sagen."

Vom Eis auf Rasen

Als Kartnig die dahinsiechende Sturm als Präsident übernahm, war er der Szene als Sponsoraufsteller des ÖFB-Teams, als Kritiker der Kicker und Sympathisant der Eishockeyspieler bekannt. Kartnigs Engagement bei den Grazer Eishacklern endete nach vier Jahren in einem Crash, am Dienstag will Kartnig nach fast 14 Jahren sein Amt bei Sturm Graz auf der Generalversammlung aufgeben. So rund zwei Millionen Euro Schulden könnte er seinem präsumtiven Nachfolger Carlo Platzer (46) übergeben. Platzer, Eigner der Spedition Extra, Kassier und seit zwölf Jahren Vorstandsmitglied von Sturm, wird ja wohl wissen, was auf ihn zukommt und hat angekündigt, eine Million Miese handeln zu können.

Kartnig: "Ich habe den Klub mit 1,3 Millionen Euro Budget übernommen, jetzt haben wir rund sieben Millionen." Die schleppende Konjunktur und die schwache regionale Wirtschaft machen das Geldaufstellen für einen Spitzenklub immer schwerer. "Gleichzeitig werden die Spieler immer teurer. Am meisten Erfolg haben wir mit der billigsten Mannschaft gehabt. Der Jugend heute geht es nur mehr ums Geld. Im Fußball kann auch einer, der nichts gelernt hat, reich werden."

Der Solitär Kartnig trieb allein Geld auf und schaffte allein an. Als einst heftiger Kritiker der Fußballergewerkschaft wünscht er mittlerweile den von ihm einst verhinderten Kollektivvertrag und das Berufssportgesetz herbei. "Damit Spieler endlich auch Pflichten, nicht nur Rechte haben."

Kartnig stöhnte über das Amt, und er profitierte davon. Seine Firma kassierte "wie jede Agentur 15 Prozent von den Sponsorverträgen. Das war ein Vorstandsbeschluss". Damit ist laut Kartnig seit sechs Jahren Schluss.

Vor Gericht

In den vergangenen Jahren musste er namens Sturms öfters vor Gericht aussagen, derzeit läuft ein Verfahren des Ex-Spielers Markus Schopp, der die Abfertigung einklagt und in erster Instanz Recht erhielt. Und die umstrittene Pensionsregelung (Verzicht auf Abfertigung gegen Pensionszahlungen) bei Sturm? "Das hat der Vizepräsident Klementschitsch gemacht, da kenn ich mich nicht aus." Es wäre besser gewesen, die horrenden Provisionen (zehn bis 15 Prozent für mehrere Mio. pro Jahr) dem Klub und nicht dem Privatmann Adolf Klementschitsch zufließen zu lassen.

Als Sturm Anfang 2004 eine Steuernachforderung von 3,7 Millionen Euro gewärtigte, ließ Kartnig wissen: "Das geht die Öffentlichkeit nichts an." Die Steuerforderung verschwand, der auf Antrag Kartnigs ausgeschlossene Kritiker und Vorstand Ernst Fuchs ("Seit 1999 hat Kartnig keine Bilanz mehr hergezeigt") will am Dienstag bei der Generalversammlung als einer von rund 600 Mitgliedern auch wissen, wo die für das Trainingszentrum Messendorf angeblich reservierten 3,5 Millionen Euro liegen. Kartnig versprach die Verpflichtung eines seriösen, potenten Sponsors und hat selbst Zukunft: "Sie wollen mich zum Ehrenpräsidenten machen." (Johann Skocek - DER STANDARD PRINTAUSGABE 7.11. 2005)

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