Opernfreuden im Retourgang

6. November 2005, 19:42
21 Postings

Mit einem Konzert­marathon erinnerte die Wiener Staats­oper über­wiegend hörens­wert, wenn auch etwas einfalls­arm an ihre Wieder­er­öffnung

Wien - Schwer zu sagen, was am vergangenen Samstag in der Staatsoper nun wirklich gefeiert wurde. Schon recht, vor 50 Jahren wurde das Haus nach kriegsbedingter Zerstörung wieder eröffnet. Da gibt es nun zwei Möglichkeiten: Man feiert seine Gegenwart. Oder man feiert seine Vergangenheit.

Also, die Gegenwart kann es schwer gewesen sein, war doch das Eröffnungsprogramm vor 50 Jahren gegenwärtiger als das samstägige festliche Gedenken: Immerhin galt eine der damaligen Eröffnungspremieren Alban Bergs Wozzeck. Weil man sich in der Staatsoper vor 50 Jahren wohl mehr getraut hat als heute.

Denn ausgerechnet dieses Werk wurde im Programm des mit Ausschnitten aus der damaligen Serie der Eröffnungspremieren bestückten viereinhalbstündigen Opernmarathons offenbar mit Rücksicht auf die sensiblen Gehörnerven des Publikums fürsorglich ausgeklammert.

Aber auch die 50-jährige Vergangenheit der wiedererbauten Staatsoper kann nicht Gegenstand dieses Abends gewesen sein. Sonst hätte man die altgedienten Mitglieder des Hauses vor Beginn der Darbietungen nicht mir nichts, dir nichts aufs Podium gescheucht, wo sie dann umständlich zu ihren Plätzen irren mussten. Dort saßen sie nun brav aufgefädelt wie die jeden Gründonnerstag zur Fußwaschung durch den Heiligen Vater anonymen Senioren im Petersdom.

Da hätte sich doch irgendwer finden müssen, der diese Ehrengäste begrüßt und vorstellt. Vielleicht hätten Christl Goltz, Sena Jurinac, Gundula Janowitz, Christa Ludwig, Waldemar Kment, Heinz Zednik, Berislav Klobucar und Ernst Märzendorfer auch einiges zu erzählen gehabt. Erst recht Claus Helmuth Drese, der ja nicht ganz freiwillig zugunsten von Eberhard Waechter (und Ioan Holender) seinen Sessel räumen musste.

Kurz und gut, dieser Abend schrie geradezu nach einer ebenso kompetenten wie charmanten Moderation. Was Wunder, wenn angesichts eines so eklatanten veranstalterischen Vakuums im ersten Teil der Bundespräsident und im zweiten der Bundeskanzler mit erfreulich dezenten Wortspenden als Einspringer zur Stelle waren.

Umgang mit Geschichte

Der Conférencier der Wahl wäre wohl der Staatsoperndirektor selbst gewesen. Seine taktvolle Wahrhaftigkeit, mit der er den nahtlosen Übergang Karl Böhms vom letzten Staatsopernchef des Nazireichs zum ersten des nach dem Krieg wieder errichteten Hauses darstellte, ist ein beinah berührendes Beispiel für den Umgang mit Geschichte und historischer Schuld. (Mit allem gebotenen Respekt seien jedoch alle drei Herren daran erinnert, dass ein Dirigentenpult nicht der geeignete Platz für Rhetorik - welcher Art auch immer - ist. Jener Ort, an dem sich Emotion in Klang verwandelt, sollte, muss ausschließlich für den Dirigenten reserviert bleiben und dürfte von niemandem sonst erklommen werden.)

Die Ausrede, die Ausführungen eines Moderators hätten den Abend noch stärker in die Länge gezogen, gilt nicht. Wenn man schon auf Ausschnitte aus dem Wozzeck verzichten zu können glaubte, wäre es um die Nil-Szene aus der Aida auch nicht schade gewesen. Es hätte durchaus auch der Anfang des vierten Aktes gereicht.

Baltsa und Domingo Plácido Domingo, der sich mit ungebrochener Brillanz zu einem Johannes Heesters der Oper zu entwickeln scheint, und Agnes Baltsa wurden für ihre großmeisterliche Gestaltung der Szene Radames-Amneris unter Daniele Gattis Leitung vom Publikum zu Recht wie wild bejubelt.

Ähnliche Hitzegrade erzielten nur die Auftritte von Christian Thielemann. Sowohl der von Soile Isokoski (Marschallin), Angelika Kirchschlager (Octavian) und Genia Kühmeier (Sophie) in vollendeter Harmonie gesungene Schluss des Rosenkavalier und erst recht das Vorspiel zu den Meistersingern nebst Fliedermonolog (Bryn Terfel) und Wach-auf-Chor führte zu geradezu exzessiven Begeisterungsstürmen.

Franz Welser-Möst als zweiter Hoffnungsträger am Pult der Wiener Staatsoper konnte da mit den vergleichsweise weniger griffigen, wenn auch von ihm mit farbenprächtiger Dramatik gestalteten Szenen aus dem dritten Akt der Frau ohne Schatten naturgemäß nicht gegenhalten. Er rangierte aber noch weit vor der konzertanten Meterware, die Seiji Ozawa nach einer zu Beginn eindrücklich geglückten dritten Leonoren-Ouvertüre mit dem Fidelio-Finale am Schluss trotz Deborah Polaski (Leonore), Johan Botha (Florestan), Thomas Hampson (Don Fernando), Ildiko Raimondi (Marzelline), Herwig Pecoraro (Jaquino) und Falk Struckmann (Pizarro) ausbreitete.

Auch von den unter Zubin Mehtas Leitung gesungenen und vom Publikum zerklatschten Don Giovanni-Szenen hätte man sich einiges schenken können. Nicht eben die von Ferruccio Furlanetto gesungene Leporello-Arie aus dem ersten Akt. Und erst recht nicht das Rezitativ und die Arie der Donna Anna aus dem zweiten Akt, mit denen Edita Gruberova triumphierte.

In den Pausen glich die Staatsoper überhaupt einem Schlaraffenland. Wohin immer man seine Schritte lenkte, traf man auf wohlbestückte Tabletts mit Sekt, Wein und Brötchen.

Und die große Schar fröstelnder Enthusiasten, die den Abend vor der Oper in einer Großbild-Übertragung verfolgten, wurde mit Würstchen und Tee gelabt.

Am besten hatten es freilich jene, die zu Hause vor dem Bildschirm saßen. Sie konnte zu Thomas Gottschalks Wetten, dass ...? zappen, wo sie auch noch Anna Netrebko und Rolando Villazón beim Schöngesang erwischen konnten. (DER STANDARD, Printausgabe vom 7.11.2005)

Von
Peter Vujica
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Dirigentenriege nach getaner Festarbeit: Seiji Ozawa, Zubin Mehta, Franz Welser-Möst, Daniele Gatti und (heftig umjubelt) Christian Thielemann.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Staatsoper im wahrsten Sinn des Wortes: der Bundespräsident mit Gattin, flankiert von (v. li.) Bartenstein, Gehrer, Schüssel, Morak, Khol mit Gattin, Frau Waldheim und Plassnik.

Share if you care.