Familienfeier in Starbesetzung

6. November 2005, 19:21
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Gala brachte Auszüge aus den sechs Wieder­er­öffnungs­premieren des Jahres 1955

Wien - Mit einem großen Festkonzert beging die Wiener Staatsoper am Samstag Abend den 50. Jahrestag ihrer Wiedereröffnung nach dem Zweiten Weltkrieg am 5. November 1955. Das Programm orientierte sich an den sechs ersten Staatsopern-Premieren des Jahres 1955 und bot ein Staraufgebot, das selbst das Haus am Ring nicht häufig gesehen hat. Neben fünf Spitzendirigenten war eine ganze Reihe von Top-Kräften aus der Welt des Gesangs aufgeboten - schon das eine organisatorische Meisterleistung.

Vom ersten Moment des live auf den Herbert von Karajan-Platz und live-zeitversetzt auf ORF 2 übertragenen Abends war der familiäre sowie der historische Charakter der Veranstaltung spürbar. Den ersten großen Applaus erhielten zwölf Ehrenmitglieder des Hauses, die am Rande der Bühne Platz nahmen, einander mit sichtlicher Freude begrüßten und mit großer Anteilnahme dem Programm folgten: Bei der von Ferruccio Furlanetto dargebotenen Registerarie aus dem "Don Giovanni" schmolzen auch die weiblichen Ehrenmitglieder dahin.

"Prominenter Platz

Zum Auftakt dirigierte der Musik-Direktor des Hauses, Seiji Ozawa, die dritte Leonoren-Ouvertüre des "Fidelio". Dieser Oper galt vor 50 Jahren die erste Premiere im nach den Zerstörungen des Krieges wiederhergestellten Haus. Als erster Redner betonte Bundespräsident Heinz Fischer: "Dieses Jubiläum hat in der Geschichte dieses Landes einen ganz prominenten Platz", auch er selbst könne sich noch gut an den Tag der Wiedereröffnung erinnern. Womit er für viele ältere Besuchern, die mit glänzenden Augen den Abend verfolgten, gesprochen haben dürfte.

Danach bewies das Staatsopernorchester einmal mehr seine Vielseitigkeit: Unter Zubin Mehta spielte es Auszüge aus "Don Giovanni", unter Christian Thielemann begleitete es Terzett und Schlussduett aus dem "Rosenkavalier". Auf der Bühne eine förmliche Starparade: Neben "Don Giovanni" Thomas Hampson und "Leporello" Furlanetto sangen Edita Gruberova die Donna Anna, Soile Isokoski die Donna Elvira, Ildiko Raimondi die Zerlina, Michael Schade den Ottavio und Boaz Daniel den Masetto. Im "Rosenkavalier" glänzten Isokoski als Marschallin, Kirchschlager als Octavian und Genia Kühmeier als Sophie. Georg Tichy sang den Faninal.

Störversuche

Nach der erste Pause wurden Auszüge aus "Aida" unter dem Dirigenten Daniele Gatti zu einem Fest des Rampen-Singens. Herausragend dabei, dass mit Agnes Baltsa und Placido Domingo sowie Nadia Krasteva und Johan Botha gleich zwei Top-Besetzungen für Amneris und Radames aufgeboten waren. Bei der Rede von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) gab es immer wieder kleinere Stör-Versuche. Schüssel würdigte die Staatsoper als "Teil unserer Identität, Teil unserer und der europäischen Kultur" und Ioan Holender als "großartigen Lenker und Leiter dieses Hauses". Nicht dem Haus gebühre Dank, sondern den Menschen, die in ihm wirkten.

Unruhe bei Holender-Rede

Direktor erinnerte an die Vorgeschichte der Wiedereröffnung - Fünf Dirigenten gemeinsam beim Schlussapplaus Wien/APA Den dritten Teil des insgesamt viereinhalbstündigen Abends eröffnete Staatsoperndirektor Holender mit einer Rede, in der er ausführlich auch auf die Vorgeschichte der Wiedereröffnung, nämlich die nationalsozialistische Herrschaft, die in den Zweiten Weltkrieg gemündet hatte, zu sprechen kam. Holender erinnerte an jene Künstler, die die Staatsoper 1938 aus politischen Gründen verlassen mussten. Heute wolle man ihnen danken und sich bei ihnen "entschuldigen für das, was wir ihnen angetan haben".

Der Staatsoperndirektor ("Ich weiß, dass ich mich damit noch unbeliebter mache, als ich schon bin") erinnerte an den "gleitenden Übergang", der auch dazu geführt habe, dass der letzte von den Nationalsozialisten eingesetzte Direktor des Hauses (Karl Böhm, Anm.) auch der erste der wiedereröffneten Staatsoper gewesen sei. Er erinnerte auch daran, dass kein international prominenter Künstler wie Marc Chagall, Fritz Wotruba oder Max Weiler, sondern Rudolf Eisenmenger mit der Gestaltung des Eisernen Vorhanges betraut worden war.

Holenders Rede sorgte immer wieder für Unruhe in Teilen des Publikums, doch nach seiner Aussage "Wir wollen nicht richten, wir wollen nur berichten, denn wenn wir die Vergangenheit nicht erhellen, können wir auch die Gegenwart nicht belichten und wissen, auf welcher Grundlage wir stehen", erhielt er heftigen Applaus. Die Wiedereröffnung des Hauses 1955 sei auch "ein Zeichen des wiedererlangten Selbstbewusstseins" der jungen Republik gewesen, führte Holender aus, ein buchstäbliches Weltereignis.

Das Musikprogramm nach der zweiten Pause bot endlich auch dem Staatsopernchor Gelegenheit, sein Können zu beweisen. Christian Thielemann, der die Wertung auf einem imaginären Dirigenten-Applausometer eindeutig für sich entschied, leitete Auszüge aus "Die Meistersinger von Nürnberg", Bryn Terfel bot als Hans Sachs ein Beispiel seiner Liedkunst. Franz Welser-Möst widmete sich der "Frau ohne Schatten", an der u.a. Deborah Polaski, Falk Struckmann, Ricarda Merbeth und Johan Botha mitwirkten.

Der Kreis schloss sich unter Ozawa mit dem "Fidelio"-Finale. Danach, als unter lange anhaltendem Applaus alle Sängerinnen und Sänger des Abends noch einmal zum Verbeugen auf die Bühne kamen, wurden im Publikum dutzendfach die Fotokameras gezückt: Dieser Augenblick wollte für die nächsten 50 Jahre festgehalten werden. Und ganz am Ende sorgte der Staatsoperndirektor höchstpersönlich am Bühnentürl dafür, dass es noch zu einem wahrhaft denkwürdigen Schlussbild kam: Die Dirigenten Seiji Ozawa, Franz Welser-Möst, Christian Thielemann, Daniele Gatti und Zubin Mehta beim Verbeugen einträchtig nebeneinander. (APA)

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    Die Staatsoper feierte das Jubiläum ihrer Wiedereröffnung

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