Bewohner greifen zu Selbsthilfe

8. November 2005, 17:07
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Bürgermeister: Leute müssen sich selbst schützen

Paris - Der Fußballtrainer Mohammed Rezzoug wird von seinen Schützlingen liebevoll "Momo" genannt, doch neuerdings versteht Momo keinen Spaß mehr. Im Pariser Vorort Blanc-Mesnil im Krawall-Département Seine-Saint-Denis steht der 45-Jährige seit vier Nächten Wache vor "seiner" Turnhalle, um sie vor Vandalen zu schützen. "Ich habe mit ihnen verhandelt, und sie haben mir geantwortet: Momo, wir hauen alles kurz und klein", sagte Rezzoug der Zeitung "Le Parisien".

Doch gerade diese Burschen will der Coach mit seinem Fußballverein aus der Misere führen, "deshalb verbringe ich die Nächte draußen, damit sie mir nicht die Turnhalle und den Kindergarten anstecken".

Polizei hilflos

Rezzoug ist einer von vielen Einwohnern der "Banlieue", der elenden Vorstädte von Paris, die angesichts der Hilflosigkeit der Polizei zur Selbsthilfe greifen. In Sevran, ebenfalls im Département Seine-Saint-Denis, organisieren Zivilisten Funkstreifen durch die nächtlichen Straßen, um neue Brandanschläge zu verhindern, berichtete der Radiosender France-Info am Sonntagmorgen. Vor einem Gebäudekomplex in Sevran interviewte der Sender eine junge Frau namens Joelle, die mit einem Gummiknüppel in der Hand Wache hielt. "Wir lösen uns ab, die ganze Nacht, wir helfen uns mit unseren Mitteln."

In Drancy im selben Département packten Einwohner am Samstagabend zwei Jungen von 14 und 15 Jahren, die einen Lastwagen anzünden wollten. Wie die Polizei mitteilte, hielten die Bürger die Jugendlichen fest, bis die herbeigerufenen Polizisten eingetroffen waren. "Ich begrüße das Verantwortungsbewusstsein der Bürger meiner Stadt", sagte Bürgermeister Jean-Christophe Lagarde nach dem Zwischenfall im Hörfunk, und betonte, die mutigen Zivilisten stammten genau wie viele der Randalierer aus Einwandererfamilien. "Die Leute müssen sich selbst schützen", räumte der Politiker der liberalen UDF ein. (APA)

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