"Frau Finanzminister" an der Spitze der RCB

28. November 2005, 11:08
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Eva Marchart, Chefin der Raiffeisen Centrobank, hat ihre Karriere im Kohlebergbau gestartet

Im Nachhinein wundert sich Eva Marchart über ihre Coolness. Ende der Achtziger bewegte sie bei den Verhandlungen mit polnischen Kohlebergwerksleitern Millionensummen. Knappe 30 Jahre alt war die Finanzchefin der polnisch-österreichischen Kohle-Handelsgesellschaft Polkarbon. Jemals weiche Knie gehabt zu haben, erinnert sie sich jedoch nicht. "Vor besonders harten Gesprächen war der Schlaf vielleicht einmal weniger gut", räumt sie ein. "Aber ich wusste: Wenn du ernst genommen werden willst, darfst du nicht zu blond sein."

Was der Juristin offenbar gelang: Dass die auffallend attraktive, damals langhaarige Blondine in den Kohlenminen respektvoll-scherzend als "Frau Finanzminister" begrüßt wurde, erzählt sie mit einer Mischung aus Amüsement und Stolz. Auch RCB-Chef Gerhard Vogt fielen bei Vertragsverhandlungen Marcharts extreme Kompetenz und ihr selbstbewusst-geradliniges Auftreten auf: Er engagierte sie 1992 als Direktorin für die Bereiche Organisation und Verwaltung und legte damit den Grundstein für Marcharts konsequenten Aufstieg an die Konzernspitze der 100-prozentigen Tochter der Raiffeisen Zentralbank.

Seit Jänner 2000 verantwortet die 49-jährige Alleinerzieherin eines inzwischen erwachsenen Sohnes im RCB-Vorstand die internen Angelegenheiten. In ihr Ressort fallen so unterschiedliche Bereiche wie IT, Rechnungs- und Berichtswesen, Rechtsangelegenheiten und Personalwesen. Nach dem Tod ihres Mentors avancierte sie Mitte September dieses Jahres zur Sprecherin des dreiköpfigen Vorstands der Investmentbank, die neben der Deutschen Bank und der Ersten zu den drei größten Playern an der Wiener Börse zählt und das gesamte Aktiengeschäft für die RZB abwickelt.

Es waren immer Männer, die Marcharts Karriere förderten und ihr mehr zutrauten, als sie sich selbst, erzählt sie. Gleich nach dem Studium übernahm sie die Leitung der Finanz- und Rechtsabteilung der Polkarbon, weil ihr damaliger Chef der langjährigen Polkarbon-Ferialpraktikantin das Potenzial dafür zusprach. Der Sprung ins kalte Wasser fiel ihr allerdings nicht schwer: Der "sehr gefasste Umgang" mit Herausforderungen jeder Art ist typisch für die Frau, der "emotionale Ausbrüche" fremd seien, wie sie sagt.

Auch eine andere angeblich typisch weibliche Eigenschaft schreibt sie sich nicht zu: Statt den Einflüsterungen der Intuition nachzugeben, setzt sie vor jeder Entscheidung auf Check und Re-Check aller verfügbarer Informationen und Fakten. Das habe sich schon bei der Polkarbon bewährt, um beim Umgang mit Millionen und in harten Verhandlungen nie die Nerven zu verlieren.

Der Extraportion Selbstdisziplin und -kontrolle verdankt sie aber auch die einzige schlechte Note ihres Lebens. Nach der Handelsakademie wollte sie Jus studieren, wofür jedoch die Lateinmatura Voraussetzung war. In einem dreimonatigem Crashkurs holte sie diese über den Sommer nach. Auf das dabei mit knapper Not erreichte "genügend" sei sie im Grunde stolzer als auf alle anderen - stets guten - Noten.

So zurückhaltend die Bankerin wirkt, auf den persönlichen Umgang mit ihren Mitarbeitern legt sie großen Wert. "Dass man als Mensch wahrgenommen wird, ist uns allen hier ein Anliegen", betont Marchart. Ein bis zweimal im Jahr stellt sie sich daher zu Hause an den Herd und kocht für ihr Team. (Der Standard/Printausgabe/05./06.11./2005)

Von Susanne Rössler
  • Auf Check und Re-Check aller verfügbaren Informationen und Fakten verlässt sich Investmentbankerin Eva Marchart lieber als auf die Intuition.
    foto: der standard/newald

    Auf Check und Re-Check aller verfügbaren Informationen und Fakten verlässt sich Investmentbankerin Eva Marchart lieber als auf die Intuition.

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