Publikum soll "verändert herauskommen"

11. November 2005, 12:49
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Komponist Helmut Lachenmann: Kunst soll aufwecken, nicht Zufluchtsort sein - In Wien auch "finstere Versteinerung"

Wien - Einer der Schwerpunkte beim Festival "Wien Modern" ist der deutsche Komponist Helmut Lachenmann. Der am 27. 11. 1935 in Stuttgart geborene Lachenmann, dessen Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" viel gespielt wurde und dessen facettenreiche, klangvielfältige Musik dennoch als schwer zugänglich gilt, kann mit 70 "endlich einen gewissen Altersstarrsinn entwickeln", so der Komponist zur APA. "Und ich nehme mir eine Narrenfreiheit, die ich mir mit 30 Jahren nicht leisten konnte". Aber "Torheit schützt vor Alter nicht".

Den "Wien Modern"-Besuchern, die sich dem vielfältigen Lachenmann-Schwerpunkt widmen wollen, würde der Komponist empfehlen, sich "auf ein Hörabenteuer einzulassen". Die Hörer sollen aus dem "Wahrnehmungsspektakel" seiner Musik "verändert herauskommen". So offen sind beileibe nicht alle Konzertbesucher, das weiß man nicht nur zu Zeiten von "Wien Modern". Die zeitgenössische Musik wird nicht gerade vom Publikum überrannt. Lachenmann ist überzeugt: Im Konzertsaal, beim Umgang mit zeitgenössischer Musik, "verrät sich die Fähigkeit des Einzelnen zur Humanität in der Konfrontation mit dem Ungewohnten".

Erfahrungen versteinern

"Es gibt Leute, die sensibel, abenteuerbereit und anspruchsvoll sind" und "den Kunstbegriff als Medium bzw. Erfahrung von Öffnung und nicht von Zementierung des Horizonts ernst nehmen". Auf der anderen Seite gebe es jedoch auch diejenigen, die "meinen, der Tradition treu zu sein, indem sie bekannte Erfahrungen versteinern", so Lachenmann über denjenigen Teil des Publikums, der jeden Ausflug ins Zeitgenössische ablehnt. Diese seien jedoch eigentlich "die Verräter der Tradition", denn "der Moment des Aufbruchs gehört zur Tradition der europäischen Kunst". Die "selbst ernannten Museumswächter" in den Konzertsälen, die auf einen erweiterten Musikbegriff mit Ablehnung reagieren, "sind die selben Leute, die einst bei Brahms' Klavierkonzerten Hausschlüssel und Pfeifen gezückt haben".

Zustimmung und Ablehnung

Lachenmann hat beides erlebt: Viel Zustimmung, aber auch Ablehnung vom Publikum sowie von ausübenden Musikern, wie er schildert. Das Radio Symphonieorchester des ORF, das gestern zur "Wien Modern"-Eröffnung unter der Leitung von Peter Rundel u. a. Lachenmanns "Ausklang" interpretiert hat, sei "ein wirklich kooperatives und auch bei ungewohnten Spielaufgaben professionell bleibendes Orchester", lobt Lachenmann.

Wichtig für den erweiterten Musikbegriff, den Helmut Lachenmann vertritt, sei der Einsatz von außergewöhnlichen Klängen, die er in seinen Kompositionen verwendet, wie etwa Hammerschläge auf den Klavierrahmen, Schabe- und Zischgeräusche und viele andere mehr. "Bei einem Faschingskonzert finden die Leute ein Zischgeräusch vielleicht lustig, in einem philharmonischen Zusammenhang als Beleidigung ihrer Erwartungen", so Lachenmann. "Ich mache mit diesen Klängen nicht Spaß, sondern Ernst. Und das kann manchmal - ganz bestimmt auch in Wien - Allergien hervorrufen".

Kunst als Zufluchtsort

Diese negativen Publikumsreaktionen auf Klänge, die den Musikbegriff öffnen und erweitern, "sind das Produkt mangelnder Information und mangelnder Neugier gegenüber dem Unbekannten sowie einem - vielleicht verständlichen - Bedürfnis, sich an Gewohntes zu klammern". Denn heute "fühlt man sich in der Wirklichkeit permanenten Bedrohungen ausgesetzt. Hier hat die Kunst für viele Menschen die Funktion eines Zufluchtsortes übernommen".

Dadurch werde Musik jedoch "zum Entertainment, zum Medium der Entspannung, wo man für einige Momente noch an das Gute, Wahre und Schöne glauben kann". Kunst hätte jedoch in ihrer historischen Entwicklung "eine andere Funktion, nämlich die des Aufweckens", so Lachenmann, der u. a. mit dem Siemens Musikpreis, dem "Nobelpreis der Musik", ausgezeichnet wurde.

"Unglaublich militante Reaktion"

In Wien sei sowohl der Ausbruch der Musik in neue Formen "immer wieder äußerst couragiert und sensibel praktiziert worden", andererseits hat es hier eine "unglaublich militante Reaktion dagegen gegeben". "Wien ist eine Stadt mit hochinteressanten Komponisten und Ensembles. Hier gibt es beim Publikum beides: höchste Aufgeschlossenheit auf der einen und finstere Versteinerung auf der anderen Seite", so Lachenmann. Diese "Musiktradition mit ihrer ganzen Aggressivität hat auch ihre Faszination", sagte Lachenmann, um dann wieder Bezug zu seinem runden Geburtstag zu nehmen: "Jetzt kann ich ja schon so abgeklärt reden".

"Wien ist eine tolle Stadt, hier gab es Karl Kraus, der für Mut und Risiko in der Kunst gekämpft hat. Ihm haben sie das Leben schwer gemacht, er den anderen allerdings auch." Bei seinem "Spießrutenlauf" mit dem und gegen das Publikum fühlt sich Lachenmann jedenfalls "in bester Gesellschaft". (APA)

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    Helmut Lachenmann "Der Moment des Aufbruchs gehört zur Tradition der europäischen Kunst"

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