Nicht ganz untypisch

27. Dezember 2005, 17:01
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Ein Mysterium von betörendem kommunalen Reiz gab die Wiener Stadtzeitung von voriger Woche in ihrer Nostalgierubrik "Vor 20 Jahren im Falter" ...

Ein Mysterium von betörendem kommunalen Reiz gab die Wiener Stadtzeitung von voriger Woche in ihrer Nostalgierubrik Vor 20 Jahren im Falter den treuen Lesern zu knacken: Wer war 's, der vom Lethe der Kläranlage Spittelau schlürfte, um sich dem hiesigen Gemeinwesen ewig unvergesslich einzuprägen? War es einer, waren es zwei? Wann fand das historische Ereignis statt, wo und mit wem?

Das Titelblatt von einst, eine Grafik, so erinnerte man sich im "Falter", zeigte einen Mann mit Brille, der ein Glas Wasser trinkt. Dieses Bild wurde, für den Falter nicht ganz untypisch, in der damaligen Ausgabe nicht erklärt. War es wirklich nur nicht ganz untypisch, oder steckte mehr dahinter? Zu sehen war der Stadtrat Franz Nekula, der gerade ein Glas Wasser aus der soeben eröffneten Kläranlage Spittelau trank, um darzutun, wie hoch die Qualität dieses gefilterten Wassers sei. Wenig später erkrankte Nekula schwer.

Der aufwühlende Bericht über ein herausragendes Beispiel kommunaler Opferbereitschaft weckte auch außerhalb der Redaktion des "Falter" Erinnerungen. Sie führen allerdings als Helden nicht den Stadtrat Franz Nekula, sondern seinen Kollegen in Amt und Würden, Josef Veleta, dessen öffentlich zur Schau gestellte Todesverachtung angesichts des Wiener Klärschlamms nach einer in großer Geduld absolvierten, nicht unerheblichen Verdauungsstörung mit den Tröstungen des damaligen Bürgermeisters und dem Großen Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien gewürdigt wurde.

Abgesehen davon, dass der "Falter" - welche Rathausintrige immer dahinter stecken mag - den klärenden Schierlingsbecher Franz Nekula leeren lässt und so Josef Veleta um den Nachruhm einer sokratischen Existenz bringen will, hat sich das denkwürdige Ereignis - für den Falter nicht ganz untypisch? - auch nicht in einer bisher wenig bekannten Kläranlage Spittelau abgespielt, sondern in dem der Bedeutung des Augenblicks angemessenen Rahmen der neuen Hauptkläranlage Simmering. Nicht auszudenken, was Josef Veleta in der Müllverbrennungsanlage Spittelau zu sich genommen hätte, um deren reinigende Kraft oral und ad oculos zu demonstrieren.

Es ist nicht mit letzter Gewissheit auszuschließen, dass Franz Nekula, sei es beflügelt vom Beispiel Veletas oder im Gefolge einer Massenpsychose unter hochrangigen Rathäuslern, vor 20 Jahren für den "Falter" ein exklusives Trinkgelage in der Kläranlage Spittelau, wo immer sie liegen mag, nachvollzogen hat. Das ändert aber nichts daran, dass das Urheberrecht der Nutzung einer kommunalen Kläranlage als Hippokrene für amtsführende Stadträte für immer bei Josef Veleta bleibt, tat er seinen Zug doch nicht vor 20, sondern schon vor 25 Jahren.

Interessant wäre zu erfahren, ob der "Falter" sein legendäres Cover mit wassertrinkendem Stadtrat Franz Nekula tatsächlich vor 20 Jahren und ohne Hinweis auf die Pionierleistung Veletas als Trinker veröffentlicht hat, beziehungsweise wie weit es tatsächlich für den Falter nicht ganz untypisch ist, zu diesem Vorgang erst mit der Verspätung einiger Jahrzehnte eine Aufklärung zu liefern, die fast nichts offen lässt.

Vielleicht lässt sich die Reminiszenz als nostalgischer Posthornton zu der Mitte Juni des heurigen Jahres vorgenommenen Eröffnung der erweiterten Hauptkläranlage Simmering deuten und sollte zeigen, wie sich die Zeiten ändern. Auf das Beispiel Veletas hingewiesen, lehnte Bürgermeister Michael Häupl die Anmutung, ein Gläschen über den kommunalen Wissensdurst zu trinken, entschieden ab, für ihn nicht ganz untypisch, weil mit den geflügelten Worten: "Ich hab einen Gspritzten oder ein Bier lieber."

Beantwortet der "Falter" in besagter Rubrik allwöchentlich Fragen, die seine der Zukunft zugewandten Leser gar nicht stellen, so antwortet "NEWS" nur, wenn es von seinen der society intim zugewandten Leserinnen gefragt wird, etwa nach Heinz-Christian Strache: Lässt er sich scheiden? Dann kommt die Antwort aber gründlich, wenn auch nicht ganz untypisch. Denn es brannte in dem Heft, dessen Cover der neue Haider zierte, einer Dame eine Frage auf den Lippen: Wie lange schaut Straches Ehefrau eigentlich noch zu, wenn er mit schlimmen ausländischen Damen flirtet? Sicher, er konnte bei der Wahl viele Stimmen gewinnen, aber hat er im Kampf nicht die Gattin verloren? Bitte um Recherche in Sachen Scheidung!

Das war für "NEWS" kein Problem. Zumindest bei der Wahlfeier demonstrierten Straches eine Art koalitionärer Eintracht, die heute selten geworden ist, konnte das Magazin der lieben Leserin unter der Bildzeile Ehepaar Strache, innig wie lange nicht mehr mitteilen. Und der NEWS-Check gipfelte in dem Resümee der Ehefrau: "Eine Scheidung ist kein Thema."

Dazu "NEWS": So tausendjährig wertkonstant Straches Politik, so modern ist seine Ehe. Nur die brennende Frage konnte das Magazin nicht beantworten: Wie lange schaut Straches Ehefrau eigentlich noch zu, wenn er mit schlimmen ausländischen Damen flirtet? Da geht es schließlich um seine tausendjährig wertkonstante Politik. (DER STANDARD; Printausgabe, 5./6.11.2005)

Von Günter Traxler
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