Soziale Unruhen weiten sich aus

6. November 2005, 19:28
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Chirac beruft nationalen Sicherheitsrat ein - Erstmals Ausschreitungen im Pariser Zentrum und der Provinz - 350 Festnahmen - 1.300 Autos angezündet - mit Infografik

Paris - Trotz massiver Polizeipräsenz haben die sozialen Unruhen in Frankreich in der Nacht zum Sonntag einen neuen Höhepunkt erreicht und erstmals auch das Zentrum von Paris erfasst. In der Nähe der Place de la République und in anderen Stadtteilen gingen 28 Autos in Flammen auf. Im ganzen Land brannten rund 1.300 Autos, so viel wie noch in keiner Nacht seit Beginn der Krawalle vor zehn Tagen. 349 Randalierer und Brandstifter wurden nach Polizeiangaben festgenommen.

Die Ausschreitungen griffen am Wochenende von der Ile-de-France rund um Paris auf die Provinz über. Brandanschläge wurden am Sonntag aus Avignon, Nizza, Toulouse, Marseille und Cannes im Süden gemeldet, aus Rennes und Nantes im Westen sowie aus den nördlichen Regionen um Lille, Roubaix und Saint-Dizier. Im Osten des Landes waren Straßburg, Mulhouse, Nancy, Metz und Thionville betroffen.

60 Autos in Evreux beschädigt

Ein Schwerpunkt war die Stadt Evreux, rund 100 Kilometer westlich von Paris in der ländlichen Normandie gelegen. Dort wurden etwa 60 Autos sowie zahlreiche Geschäfte, ein Einkaufszentrum, eine Postfiliale und zwei Schulen beschädigt. Fünf Polizisten und drei Feuerwehrleute wurden leicht verletzt.

"Wir hatten große Angst und trauten uns nicht aus dem Haus", sagte die 55-jährige Annie Partouche, die im dritten Bezirk von Paris eine laute Explosion hörte und am Fenster sah, wie Flammen in den Nachthimmel schossen. Die Fassade des angrenzenden Wohnhauses wurde mit Ruß geschwärzt.

In den Vorstädten nordöstlich der Hauptstadt setzte die Polizei Hubschrauber mit Beamten ein, die die Gruppen gewalttätiger Jugendlicher aus der Luft filmten. Etwa 2.300 Polizisten waren im Großraum Paris im Einsatz.

Angesichts der Lage hat Präsident Jacques Chirac für Sonntagabend den nationalen Sicherheitsrat einberufen, wie sein Büro in Paris mitteilte. Chirac hatte sich bisher nur einmal zu den gewalttätigen Ausschreitungen geäußert. Dafür war er auch in der eigenen Partei kritisiert worden. Der UMP-Abgeordnete Nicolas Dupont-Aignan UMP forderte, Chirac müsse sich "rasch" zu den Krawallen äußern, er sei bislang "befremdlich stumm" geblieben. Aus dem Umfeld des Präsidenten hieß es lediglich, Chirac werde "zu gegebener Zeit" Stellung beziehen.

20 Beteiligte zu Haftstrafen verurteilt

Seit Beginn der Aussschreitungen wurden rund 800 Menschen festgenommen; Nach Angaben des Justizministeriums wurden bisher 20 Beteiligte zu Haftstrafen ohne Bewährung und einer Dauer bis zu einem Jahr verurteilt. Bei rund hundert ausstehenden Verfahren, von denen die Hälfte Minderjährige betraf, sollte den Beschuldigten zunächst Zeit für die Organisation ihrer Verteidigung eingeräumt werden.

Zwei 14-jährige festgenommen

In Drancy im Département Seine-Saint-Denis bei Paris nahmen Einwohner nach Informationen des Radiosenders France-Info zwei 14-Jährige fest, die einen Brand legen wollten. Bei einem Brand in einem dreistöckigen sozialen Wohnungsbau erlitten zwei Menschen Rauchverletzungen, rund hundert weitere mussten in Sicherheit gebracht werden.

In der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois brannte eine Turnhalle völlig aus. In Mureaux (Departement Yvelines) griffen am Samstagabend 30 Jugendliche die Ordnungskräfte mit Wurfgeschossen an. In Nogent-sur-Oise nördlich von Paris konnten zwei Senioren nur noch mit einer Feuerwehrleiter aus ihrem Haus gerettet werden, nachdem die Flammen von ihrem in Brand gesetzten Wagen auf das Gebäude übergegriffen hatten.

"Konkrete Vorschläge"

Premierminister Dominique de Villepin will in den kommenden Tagen "konkrete Vorschläge" machen, wie die Regierung die Unruhen in den Griff bekommen will. Das verlautete am Sonntag aus dem Umfeld des Regierungschefs. Nähere Angaben wurden aber nicht gemacht. Villepin und Innenminister Nicolas Sarkozy sprachen am Nachmittag mit Polizisten aus den betroffenen Vierteln über die Unruhen. Danach war ein Treffen mit Lehrern aus den Vorstädten geplant.

Innenminister Nicolas Sarkozy, der die gewaltsamen Jugendlichen als "Abschaum" bezeichnet hatte, hatte in der Nacht zum Sonntag auch überraschend die Einsatzkräfte in der Region Essonne aufgesucht. Dort ging zum dritten Mal ein Kindergarten in Flammen auf.

Sarkozy rief dazu auf, die Unruhen "nicht politisch auszubeuten". Kommunisten und Grüne hatten ihn wegen seiner gehässigen Aussagen zum Rücktritt aufgefordert. Bewohner der Problemstädte verlangten eine Entschuldigung.

"Sarkozy hat das Feuer entzündet und bisher nicht gesagt, dass es ihm leid tut", sagte ein aus Nordafrika stammender Bewohner von Aulnay-sous-Bois nordöstlich von Paris. Die katholische Bischofskonferenz rief dazu auf, auch die Ursachen der Gewalt zu ergründen. Repression sei keine Antwort.

Protest gegen die Gewalt

In der Bevölkerung regte sich Protest gegen die Gewalt: Die Bewohner von Aulnay demonstrierten am Samstag für ein Ende der Ausschreitungen. Tausende Menschen trugen ein Banner mit der Aufschrift "Nein zur Gewalt, ja zum Dialog" an ausgebrannten Autos vorbei durch die verwüsteten Straßen. Die Eltern jener beider Jugendlichen, deren Unfalltod am 27. Oktober auf der Flucht vor der Polizei in Clichy-sous-Bois die Unruhen ausgelöst hatte, riefen zu einem Ende der Gewalt auf.

Aufgestaute Wut

Die Unruhen begannen am 27. Oktober nach dem Tod von zwei Jugendlichen im Einwandererviertel der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois. Diese hatten einen Stromschlag erlitten, als sie sich in einem Trafo-Häuschen vor der Polizei versteckten.

Die Polizei hat keine Hinweise auf eine landesweite Koordination der Unruhen. Innerhalb einzelner Städte verständigten sich die gewaltsamen Jugendlichen aber mit Handy und E-Mail. Experten sehen in dem Ausbruch der Gewalt einen Ausdruck für die lang aufgestaute Wut vieler Jugendlicher nordafrikanischer oder schwarzafrikanischer Herkunft. Die Aggression richte sich gegen ihre Behandlung durch die Polizei sowie gegen Rassismus, Arbeitslosigkeit und ihre Marginalisierung in der französischen Gesellschaft. (APA/AP/Reuters)

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    Ein Feuerwehrmann löscht ein Auto in Les Mureaux

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