Musil und Mühsal

6. November 2005, 09:00
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Eine Bestandsaufnahme zum 125. Geburtstag Robert Musils am 6. November

Kurz bevor Robert Musil 1942 im Schweizer Exil starb, besuchte ihn der US-Bürger und Kunsthändler Daniel Wilde. Er hatte erfahren, dass dieser "wertvolle" Dichter völlig verarmt sei und gefolgert, dass bei ihm möglicherweise billig Originalwerke von Künstlerkollegen zu erwerben wären. Geduldig, aber verständnislos hörte er sich an, was der berühmte, armselige Mann ihm aus seinem Werk vortrug: "Wie kann einer sich auf die Beschreibung einer grauen Vorzeit kaprizieren, wenn auf dem Kontinent so viel Interessantes, Gefährliches geschieht?" Dann verließ der Kunsthändler Musil bald wieder. Hier gab es nichts zu kaufen: Der störrische Mann wollte Erfolg haben, nicht aber verkaufen.

Alexander Kluge überliefert diese Anekdote in seiner Chronik der Gefühle. Dass sie sich ziemlich sicher nicht wirklich zugetragen hat, ist dabei nicht wichtig, denn an ihre Möglichkeit glaubt man sofort. Dass diese Möglichkeit so nahe liegt, verrät zugleich, wie sich der Zeitgeist derzeit Musil nähert - oder an ihm vorbeigeht. Am gegenwärtigsten in der öffentlichen Diskussion war der Autor in den 70er- und frühen 80er-Jahren. Seither ist uns sein Utopismus vergangen, die Vorstellung, dass es lohnend wäre, die Wirklichkeit nach Ideen zu gestalten. Dabei grenzte Musil sich immer von "konkreten Utopien" ab, die totalitär wurden, wenn sie ihre Ideen verwirklichen wollten: Die Theoretiker des so genannten "sozialistischen Realismus" stigmatisierten Musil nicht umsonst als einen bürgerlich Dekadenten. Mit dem Ende der konkret gewordenen Utopie des sozialistischen Realismus vor nunmehr circa zwanzig Jahren hat sich Musils Forderung nach mehr Utopismus nicht erledigt: Er gehörte nicht zu denen, die sich in Ideen flüchteten, um sich nicht mit der Wirklichkeit beschäftigen zu müssen.

Dennoch scheint hierzulande die Vorstellung, die Wirklichkeit nach Ideen gestalten zu können, ihre Verlockung verloren zu haben. Solche Visionen, insbesondere von Intellektuellen, sind in den Verdacht eines klinischen Tatbestands geraten. Statt der Vision beherrscht der Sachzwang das Feld, das pragmatische, an der Wirklichkeit orientierte Handeln: "Es kann nicht sein, dass . . .", mit diesem allgegenwärtigen Halbsatz überzieht die Notwendigkeit alles, auch die Moral. Den Opfern des Sachzwangs gegenüber entschuldigt man sich dann damit, dass man trotz der Tragödie, die gerade im Nicht-anders-Können liege, mehr oder weniger tatkräftiges Mitleid empfinde. Kaum ein anderer Autor hat dem Mitleid in seinen Werken weniger Stimme eingeräumt als Musil. Sein stärkstes Argument gegen die Allgegenwart des Sachzwangs war nicht das Leiden der Menschen, die ihm nicht Genüge tun können, sondern die Langeweile von Menschen, die ihm genügen. Die Wirklichkeit reproduziert sich nämlich unter dem Diktat des Sachzwangs selbst, indem sie im Menschen entsprechende "Eigenschaften" bildet. Die anfängliche Vielfalt der Möglichkeiten reduziert sich auf die ewige Wiederkehr des "Seinesgleichen", und ein unmerklich "ideologisierter" Mensch reproduziert und produziert genau jene "Ordnung der Dinge", nach der er geformt ist. "Das klingt unmöglich oder dumm, die Aktivität so zugunsten der Reaktion zu eliminieren, aber tatsächlich baun doch die Häuser die Häuser und nicht die Menschen; das 100. Haus entsteht, weil und wie die 99 Häuser vor ihm entstanden sind und wenn es eine Neuerung ist, so geht diese statt auf ein Haus auf eine literarische Diskussion zurück."

Wie kommt es dann aber, dass Menschen sich in ihren konventionellen Rollen unwohl fühlen, obwohl sie doch scheinbar ganz in ihnen aufgehen? Wie ist der Mensch, wie die Gesellschaft in diesem Kreislauf des "Seinesgleichen" fähig zur Erneuerung? Mit diesen Fragen hat sich Musil ein Leben lang beschäftigt. Im Erstlingswerk Die Verwirrungen des Zöglings Törleß und seinen Novellen suchte er noch die Antwort in einem mystischen Erlebnis, das unmittelbar die scheinbar geschlossene Oberfläche der Alltagserfahrung durchbricht. Letztlich aber hielt Musil die mystische Liebe für "viel zu wertvoll für den Gebrauch" (A. Kluge) und für ungeeignet als Leitbild für den Alltag. Im Drama Die Schwärmer und im Mann ohne Eigenschaften befragte er daher dieses Erlebnis des "Außer sich Seins" auf die Konsequenzen für einen "Möglichkeitssinn", Vorbild war ihm dabei die Genauigkeit naturwissenschaftlichen, induktiven Denkens. Wie lässt sich im alltäglichen Leben der Rahmen einer dem Anschein nach festen Wirklichkeit auf die Möglichkeiten hin durchbrechen, welche in diesem Rahmen nicht zur Geltung kommen? Ulrich, der Romanheld, ist für Musil unter diesen Bedingungen eine eigentlich paradoxe Figur: Er nimmt sich "Urlaub vom Leben". Bildlich gesprochen ist er in der Situation, permanent aus der eigenen Haut zu fahren, um richtig zu denken und zu handeln. Und in diese paradoxe Situation brachte sich auch der Autor Musil: Der Utopismus, der im Entwurf eines Manns ohne Eigenschaften liegt, verkomplizierte nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form seines Schreibens.

Der Kern von Musils Versuch, die in der "Wirklichkeit" gefangenen Ideen freizusetzen, entpuppte sich immer mehr als literarische Methode und nicht nur als ein literarisches Thema. Nirgends ist die Abhängigkeit des Lebens von der Konvention unauflösbarer als in der Sprache. Ein Leben, das sich eine spielerische Distanz zur Konvention erhält, wäre dann aber wohl ein Leben nach Art der Literatur. Musils Ansatz nahm so unter anderem der Bildlichkeit, welcher sich das alltägliche Sprechen und Denken bedient, alle Unschuld. Die konventionelle Vorstellung des "Denkgebäudes" etwa musste wörtlich genommen werden, zum Beispiel in den Essays: Von "unwohnlichen Erkenntnisgebäuden" ist da zu lesen, von Mathematikern, die "zuunterst" in ihrem Denkgebäude nachsehen und "finden, dass das ganze (. . .) in der Luft stehe", von einem "Ideal", das ist wie "ein Haus, in dem ein Mann nur alle Schalttagspfingsten schläft", von "Denken Fug an Fug, wie in Ziegelsteinen".

In solchen Wendungen wird das Misstrauen einem sprachlich vorgeprägten Bild gegenüber offensichtlich, das Musil dann nicht zerstört, sondern in Besitz nimmt für seinen subversiven Gebrauch. Resultat war fast zwangsläufig eine zunehmende Entautomatisierung und Erschwernis des Schreibens: Der "rasende Reporter" Egon Erwin Kisch erinnerte sich, dass Musil die Arbeit an einer knappen Seite Kurzprosa, dem Fliegenpapier, die Tag- und Nachtarbeit von zwei Monaten kostete. Diese Akribie führte einerseits dazu, dass Der Mann ohne Eigenschaften ein Fragment blieb, unvollständig herausgeschält aus dem Material von circa 6000 Seiten Nachlass. Andererseits führte sie dazu, dass sich diese Texte in ein distanziertes Verhältnis zu ihrer eigenen Zeit setzen, auch in anderer Hinsicht: Sie altern kaum - es sei denn, man empfindet das Verschwenderische in diesem "Anders-denken-Wollen", das Introspektiv-Gefühlszergliedernde an ihnen selbst als veraltet.

Musil ist zum mehr oder weniger expliziten Bezugspunkt sprachexperimentell Schreibender in Österreich geworden, von der "Wiener Gruppe" bis zu Elfriede Jelinek. Auch vor diesem Hintergrund erscheint Musils Sezierkunst des kleinen, kaum wahrnehmbaren Eingriffs in die sprachliche Konvention gleichzeitig als utopisch und als optimistisch: Sein Versuch, das Gemäuer der Wirklichkeit subversiv für Ideen zu öffnen, ist oft der ohnmächtigen Wut eines Anrennens gegen die Konsumkultur gewichen. Die Alltagskultur und ihre Medien haben zudem in einem für Musil unvorhersehbaren Ausmaß Techniken der Isolierung, Montage und Perspektivisierung für sich entdeckt und radikalisiert. Sie haben dem Musil'schen "Möglichkeitssinn" eine neue, technizistische Bedeutung gegeben. Und diese Techniken haben ihrerseits wiederum auf die Rezeption von Musils Werken eingewirkt, in Dramatisierungen des Törleß und des Manns ohne Eigenschaften, im "Remix" des Romans und seiner Vorstufen als Hörspiel. All das lässt aber die Lösung jener Probleme merkwürdig unberührt, die Musil schon an seiner Zeit diagnostizierte.

Eines der fundamentalsten: in einer Zeit zu leben, in der uns immer mehr Unpersönliches umgibt und das Dasein bestimmt. Musil stellte sich dieses Problem nicht nur als Frage nach dem persönlichen Leben, völlig unsentimental und mit all der Ironie, die dazu nötig ist. Er stellte es sich auch als politische Frage, am Beispiel der "Parallelaktion" im Mann ohne Eigenschaften. Diese Persiflage der Bemühung, für die untergehende Donaumonarchie eine rettende, integrierende Idee zu finden, lässt sich ohne besondere Mühe auf heute, etwa auf die Diskussion der Verfassung für die Europäische Union übertragen. Auch hier verpufft die Utopie als Versuch, Wirklichkeit nach Ideen zu gestalten, in politischen und kulturellen Institutionen, die weniger Ideen dienen als der Aufrechterhaltung des politischen Status quo. Wenn eine solche Übertragung von Musils Befunden aber überzeugt, sollte das zu denken geben. Denn Musil hielt schon in den 20er- und 30er-Jahren fest: an dem Punkt, an dem sich der Status quo nicht aufrechterhalten lässt, führt "Seinesgleichen" in den Krieg.

Was Wunder, wenn die Reichweite solcher Ideen dann doch ein wenig abgehoben erscheint. Wir verhalten uns ihnen gegenüber lieber so wie Kluges fiktiver Kunsthändler Daniel Wilde, auf Besuch bei Musil. Auf dem festen Boden unserer Wirklichkeit sind wir dankbar, dass die ungesicherten Zwischenräume nicht allzu sichtbar sind. Es ist durchaus möglich, dass Zeiten der Auflösung dieses festen Bodens für die Rezeption Musils günstiger sind als solche, in denen seine Festigkeit nicht hinterfragt wird. Mit einiger Begeisterung wird Der Mann ohne Eigenschaften derzeit in die Sprachen jener Länder übersetzt, die der Zerfall der Sowjetunion freigesetzt hat, z.B. ins Armenische und ins Ukrainische. Und schließlich: Wie hätte man sich die Neugeburt der Utopie im Sinne des Manns ohne Eigenschaften vorzustellen? - Jedenfalls unabgeschlossen, als immer neu zu bewältigende Aufgabe. Ziemlich anstrengend. Leben wir also einfach so weiter. (DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.11.2005)

Von Christoph Leitgeb
  • Probleme, in einer Zeit zu leben, in der einen immer mehr Unpersönliches umgibt und das 
Dasein bestimmt: 
Robert Musil.
    foto: standard/österreichische nationalbibliothek

    Probleme, in einer Zeit zu leben, in der einen immer mehr Unpersönliches umgibt und das Dasein bestimmt: Robert Musil.

  • Das Faksimile zeigt ein "Schmierblatt" aus dem Nachlass zum zweiten Band des "Manns ohne Eigenschaften", entstanden im April 1931.
    foto: standard/österreichische nationalbibliothek

    Das Faksimile zeigt ein "Schmierblatt" aus dem Nachlass zum zweiten Band des "Manns ohne Eigenschaften", entstanden im April 1931.

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