Steirerin klagt wegen "Zwangssterilisation"

4. November 2005, 19:54
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Eingriff sei 1992 ohne ihr Wissen geschehen - Mehrmals vom eigenen Vater vergewaltigt

Graz - Ein Fall, den Marc Oliver Stenitzer, der Anwalt der 33-jährigen Südsteirerin Karin M. in seiner Klageschrift mit den "im Dritten Reich begangenen Zwangssterilisationen" vergleicht, wurde am Freitag unter Ausschluss der Öffentlichkeit am Landesgericht für Zivilrechtssachen in Graz verhandelt.

Die Klägerin beschuldigt ihren Vater, sie im Alter von 16 bis 20 wiederholt vergewaltigt und mit Morddrohungen eingeschüchtert zu haben. Die Mutter der Frau habe das alles gewusst. 1992 sei M. dann von ihrem Vater schwanger gewesen und ohne ihr Wissen im Zuge einer Abtreibung sterilisiert worden. M. bekam 1996 einen Sachwalter für Vermögensverwaltung und Amtswege. 1992, zur Zeit des Eingriffs am LKH Radkersburg, war sie aber voll mündig.

Die Eltern hätten das gemeinsam mit einem Arzt beschlossen, so Stenitzer, "weil sie angeblich an Oligophrenie (Intelligenzdefekte) leide und zu viele sexuelle Kontakte gehabt hätte". Auf der Einverständniserklärung finden sich nur die Unterschriften der Eltern. Als Grund für den Eingriff wurde "Sterilisationswunsch aus geistiger Indikation" angeführt. "Psychiatrisches Gutachten gab es aber keines", so der Anwalt.

Erst im Vorjahr, als M. mit ihrem Lebensgefährten die Kinderwunsch-Ambulanz am LKH Graz aufsuchte, weil sie nicht schwanger wurde, erfuhr sie, dass sie einer vollständigen Sterilisation unterzogen worden war. Der Freund wusste lange nichts von den Vergewaltigungen, wie er dem STANDARD erzählt: "Bis wir einmal eine Fernsehserie gesehen haben und sie plötzlich zu weinen begonnen hat. In dem Film hat ein Vater seine Tochter missbraucht."

Beklagte sind bei einem Streitwert von 31.000 Euro die Eltern, der Arzt, der den Eingriff durchführte, und die Steirischen Krankenanstalten (Kages). M. will versuchen, durch eine kostspielige künstliche Befruchtung, ein Baby zu bekommen. Wolfgang Herzog aus der Rechtsabteilung der Kages meinte gegenüber dem STANDARD, sollten die Vorwürfe haltbar sein, sei man gesprächsbereit, doch "dieser Arzt arbeitet nicht mehr für uns und kann sich an den Fall überhaupt nicht erinnern".

Am Landesgericht für Strafsachen wird nun auch wegen Vergewaltigung ermittelt. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Print, 5./6.11.2005)

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