Asymmetrien der Liebe

7. November 2005, 10:17
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Lesung, Performance und Variation über den Schmerz zugleich: "Exquisite Pain", eine sehenswerte Produktion der englischen Theatergruppe Forced Entertainment

Wien - Wie ist Schmerz heute darstellbar? Gleich vorweg: Diese Frage hat sich die ausgewiesen bedeutendste englische Theatergruppe Forced Entertainment nicht gestellt, als sie den Text Exquisite Pain der renommierten Pariser Konzeptkünstlerin Sophie Calle für die Bühne erarbeitete. Calles Thema ist direkter: Wie mit seelischer Pein umgehen, die uns alle früher oder später zu "Schmerzpatienten" macht?

Eine Frau und ein Mann sitzen hinter kleinen Tischen, frontal zum Publikum, Manuskripte, Mineralwasserflaschen und Mikrofone vor sich. Zwei Monitore über ihren Köpfen zeigen Fotografien. Ein blauer Schriftzug leuchtet: "exquisite pain".

Die Frau liest aus einem über 98 Tage hindurch geführten Diarium exakt 35-mal die ewig gleiche Geschichte vor: Wie ein Geliebter sich von ihr getrennt hat. Der Mann liest ebenso viele Storys erlittener Tiefschläge, die meisten sind todtraurig, einige eher tragikomisch.

Diese Arbeit wird aber nicht nur über solcherlei Inhalte zum Meisterwerk, sondern über die Verbindung von Erzählung und Konstruktion. Die beiden Darsteller - Claire Marshall und Robin Arthur - lesen abwechselnd insgesamt 70 Kurztexte in 140 Minuten. Die Monitore zeigen zwei mit den Texten verbundene Bilddokumentationen, und zwei miteinander befreundete Sparringpartner verweilen im Raum: die Performer und das Publikum. Eine antipodische Symmetrie, die von zwei gegenläufigen choreografischen Strategien verstärkt wird: der Wiederholung und der Aneinanderreihung. Die Frau erzählt ihre Geschichte vom Verlassenwerden zwar immer wieder, aber sie trägt auch 35 verschiedene Zustände der Krisenbewältigung vor. Und der Mann reiht wohl verschiedene Geschichten aneinander, aber es geht dabei stets um die Intensitäten von Schmerz. Repetition und Differenz sind also Elemente desselben Konstrukts, das die dramaturgische Doppelhelix dieses Stücks ausmacht.

Man kann fragen, warum "Exquisite Pain" ausgerechnet in einem "Tanzquartier" gezeigt wird, wo doch die beiden Darsteller sich nicht ein einziges Mal von ihren Sesseln auch nur erheben. "Forced Entertainment" wird seit Jahren von avancierten Tanzveranstaltern eingeladen, weil die Gruppe sich mit denselben Gestaltungsfragen auseinander setzt wie die Choreografie in Zeiten des erweiterten Tanzbegriffs. Und der geht heute eben über die Schrittchenromantik der Vergangenheit hinaus.

"Exquisite Pain" ist als Doppellesung ein Tanz der Wörter in den Grammatiken von Text und Dramaturgie, die als choreografische Methoden verstanden werden können. Mit diesen wird auch der Schmerz ohne konservatives Kreischkonzert darstellbar - und über die Dauer des Abends für das Publikum körperlich fühlbar. Am Ende hat sich die Frau von ihrem Schmerz befreit und etwas davon auf die Zuschauer übertragen. Was ist schon ein wehes Sitzfleisch gegen den Jammer zerbrochener Liebe? (DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.11.2005)

Von Helmut Ploebst

Am Samstag um 20.30 Uhr ist "Exquisite Pain" noch einmal in der Halle G im Museumsquartier zu sehen.
  • Trauer über zerbrochene Liebe: Claire Marshall von Forced Entertainment in der meisterlichen
Produktion "Exquisite Pain".
    foto: tanzquartier/© hugo glendinning

    Trauer über zerbrochene Liebe: Claire Marshall von Forced Entertainment in der meisterlichen Produktion "Exquisite Pain".

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