Ausbaubarer Garten der Erinnerung

4. November 2005, 20:12
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Ab sofort kann man sich im neuen Staatsopernmuseum in die Geschichte des Hauses am Ring vertiefen

Briefe, Requisite, Erinnerungsstücke und drei Info-Terminals erlauben Recherchen zu 13.000 Vorstellungen.


Keine Gehminute von der Staatsoper entfernt, im Hanuschhof, wo Menschen einst bei den Bundestheaterkassen mitunter Nächte verbrachten, um an die heiß begehrten Karten zu gelangen, ebendort ist ab sofort eine museale Erinnerungsstätte zu finden, die den Wiener Tempel der übergroßen Gefühle gewidmet ist. Sie wurde vom Architekten Hans Hoffer gestaltet.

Staatsopern-Zerstörung und -Wiederaufbau begrüßen den Besucher: An der Fassade des Museums erblickt man kommentierte Fotos des zerbombten Hauses, doch schon beim Betreten des Foyers ist man mitten im "Musée sentimental", das Porträts von 115 berühmten Sängern und Sängerinnen präsentiert.

Im zentralen Ausstellungsraum hat man die Geschichte der Staatsoper ab 1945 kreisförmig angeordnet: Man ist mitten in einem Rondeau, das alle Direktionen der letzten 50 Jahre porträtiert - von der Ära Karl Böhm bis zur aktuellen von Ioan Holender. Die Geschichte wird lebendig durch Fotos, Dokumente, Modelle und Kostüme.

Jedem Direktionsjahr ist genau ein Meter Ausstellungsfläche gewidmet, woraus sich notgedrungenerweise ergibt, dass der Ära Holender der meiste Platz zugewiesen wird. Allerdings hat man keinesfalls das Gefühl, in einem Holender-Museum zu stehen:

Aufwändige Materialrecherchen (durch den Staatsopern-Chefdramaturgen Peter Blaha) und Exponate des Theatermuseums haben interessante Dokumente aus allen Epochen zusammengebracht. Da wäre etwa der verschollen geglaubte Mailänder Vertrag zwischen Herbert von Karajan und der Mailander Scala (1956), der der Staatsoper ermöglichte, verstärkt Gastsänger zu engagieren, was der Opernwelt ein allmähliches Aufweichen des Ensembleprinzips bescherte.

Der Eselskarren

Auch gerettete Requisiten sind zu finden: Unter anderem sieht man in einer Vitrine einen sizilianischen Eselskarren aus einer Bajazzo-Inszenierung (1959), den ein sentimentaler Requisiteur vor der angeordneten Verschrottung bewahrt hatte. Zudem: Karajans Taktstock ist zu betrachten, Franco Bonisollis Schwert, das er Karajan bei einer Troubadour-Probe quasi vor die Füße warf.

Auch eines von Marcel
Prawys berühmten Plastiksackerln fehlt nicht - wie auch jener Goldene Schlüssel, der 1955 zur Eröffnung dem damaligen Staatsoperndirektor Karl Böhm überreicht wurde. Mitten im Raum stehen zudem vier Säulen, welche die vier wichtigen Abteilungen der Staatsoper (Orchester, Ballett, Chor und Technik) repräsentieren. Sie umschließen einen hinter roten Samtvorhängen etwas kitschig geratenen "Sängerhimmel". Der Blick hinauf zur Decke, wo Namen von Sängern zu lesen sind, wird durch Musik versüßt.

Das lesende Vertiefen in die Geschichte ermöglichen nicht nur interessante Briefe (etwas Harnoncourts aufwändige Proben-Wunsch-Liste); auch drei von Siemens gesponserte Info-Terminals erlauben Datenbankrecherchen zu allen 13.000 Vorstellungen seit 1955. Das neue Museum kann sich wandeln - dank des in Modulen konzipierten Schauraums. So soll 2007 das Wirken Gustav Mahlers gewürdigt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.11.2005)

Von Ljubisa Tosic und Thomas Trenkler

Hanuschhof, Goethegasse 1,
Öffnungszeiten ab 6. Dezem-
ber: täglich außer Montag
10 bis 18 Uhr.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Eine Karajan-Büste blickt auf die Wände des neuen Staatsopernmuseums im Hanusch-Hof.

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