Und täglich geht der Vorhang hoch ...

4. November 2005, 20:16
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Vor genau 50 Jahren, am 5. November 1955, wurde die im Weltkrieg schwer beschädigte Staatsoper wiederer­öffnet: Das Haus am Ring feiert das Jubiläum mit einer Gala

Denkt der Staatsoperndirektor an die Geschichte jenes Hauses, dem er schon ein beachtliches Weilchen vorsteht, dann denkt er auch an eine Zeit, als er selbst Publikum war und zu jenen konditionsstarken Menschen gehörte, die vom Stehplatz aus sehr deutlich ihre Meinung kundzutun pflegen. Ioan Holender bestreitet allerdings, dass er einer der Lauten war. "Ich habe nicht gebrüllt, dazu wusste ich damals zu wenig. Ich war da eher einer der Lernenden."

Nun, einige "Jährchen" danach, ist die Staatsoper noch immer das, was sie einmal war: ein Haus mit lautstarkem Stehplatz und ein Haus, das das Repertoiresystem pflegt. Doch es wird schwerer für dieses System, das auf einen täglichen Wechsel von Werken setzt. Im Laufe der Jahrzehnte kam es zu einer Abkehr von fixen Ensembles zugunsten von anreisenden Stars - eine Entwicklung, der Ioan Holender gegenzusteuern versucht, denn er ist ein Anhänger der Staatsoper als Repertoirehaus.

"Das Repertoiresystem braucht mehr Mittel als das Stagione-Prinzip. Dafür bringt das Repertoiresystem für die Leute, die es erhalten, die Steuerzahler, mehr. Es erfüllt auch eine Bildungsaufgabe, bringt jeder Generation die Grundwerke nahe. Ich finde es besser, aber beide Systeme haben Vor- und Nachteile." Unendlich schwieriger sei das Repertoiresystem aber am Leben zu erhalten, so Holender.

"Die Tendenz der Welt geht in Richtung Stagione. Leider. Wenn schon das Stadttheater Klagenfurt, wo ich zwei Jahre engagiert war, beginnt, serienweise zu spielen, also weggeht vom Ensemble, dann finde ich das nicht gut, egal wie das Niveau ist. Es schneidet die Wurzeln der Bildung ab, auch für Dirigenten und Sänger. Irgendwo müssen diese Sänger ja groß werden, verschiedene Rollen singen, etwa ausprobieren. Außerdem ist das System flexibler."

Dazu eine ziemlich frische Geschichte: "Zur Generalprobe von Osud hatte Sängerin Anja Silja eine Einladung zum Papst und fragte, ob man ihr nicht das Unmögliche gestatten könnte, nämlich der Generalprobe fernzubleiben. Ich war einverstanden, es sang die Zweitbesetzung. Es ist geschehen, wunderbar, das geht nur im Repertoiresystem. Wenn beim Stagione-System Sänger krank werden, dann holt man jemanden Wildfremden, der keine Ahnung hat von der Inszenierung, weil er eben kurzfristig anreist."

Unter Holenders Vorgängern wären solche Geschichten wohl auch möglich gewesen. Dazu sagt der Direktor aber lieber nichts, einen Vergleich seiner Ära mit denen seiner zahlreichen Vorgänger will er nicht wagen. "Es steht mir nicht zu, das zu tun. Jede Zeit hat eben ihren Direktor. Mir und Eberhard Waechter war es ein Anliegen, dem Haus eine Identität zu geben, ein Ensemble heranzubilden und Sänger zu kontinuierlicher Präsenz zu bewegen."

Holender konnte die Zeit nicht zum Stehen bringen, "aber etwas langsamer fahren wir schon. Vieles hat sich ja durch die Technik geändert, die Mobilität ist ganz anders als früher. Das wirkt auch auf die Staatsoper." Aber eines habe sich nicht verändert, "die menschliche Anatomie nämlich. Die Sänger sind nicht belastbarer geworden, auch wenn das manche glauben. Eher im Gegenteil, wenn man sieht, welche Rollenwechsel etwa eine Leonie Rysanek in kurzer Zeit bewältigt hat."

Nicht bewältigt hat Holender letztlich die Doppelfunktion als Volks- und Staatsoperndirektor, nicht länger als ein paar Jahre jedenfalls. Dennoch: Eine Annäherung der Häuser wäre gut, das habe es ja schon gegeben, das liefe auch unter dem Motto "die Staatsoper in der Volksoper". Das brächte Synergien, "auch künstlerisch. Man könnte Dinge ausprobieren, man könnte Sänger viel leichter zur Operette bringen." (DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.11.2005)

Von Ljubisa Tosic und Thomas Trenkler
  • Die ehemalige Hofoper war ein Gesamtkunstwerk im Stil der Renaissance; in der Formensprache...
    foto: önb

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    ...ging Erich Boltenstern beim Wiederaufbau eigene Wege.

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