Bleierne Zeit

4. November 2005, 19:07
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Wenn Jäger ihre Schrotflinten auf Hase, Fasan & Co richten, vergiften sie die Natur jährlich mit bis zu 400 Tonnen Blei

"Hier sehen Sie das Schrotkorn." Der Tierarzt Manfred Hochleithner, Spezialist für die Behandlung von Vögeln und Reptilien hatte zur Fachtagung Wildvögel im urbanen Bereich, die Mitte Oktober im Tiergarten Schönbrunn Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenführte, hochinteressantes Bildmaterial beizusteuern. "In diesem Fall ließ sich das Bleistück gut entfernen, aber die Bleivergiftung ist damit nicht ungeschehen gemacht."

Nur wenige Wochen trug der Vogel das Schrotkorn in sich; eine weitere Fotografie belegte, dass sich dennoch schon Aspergillose, eine tödliche Pilzerkrankung, in den Luftsäcken seines Oberarmknochens breit gemacht hatte. "Das Blei bewirkt eine massive Schwächung des Immunsystems. Selbst wenn ein Tier die Schussverletzung überlebt, geht es an den Folgen zugrunde." Auch BirdLife Österreich vermeldete jüngst den Nachweis, dass ein tot aufgefundener Adler einer Bleivergiftung erlegen war. Er starb nicht am Schrotschuss selbst, sondern an der Bleikonzentration in den Körpern seiner Beutetiere.

Eine einzige 70-Millimeter-Bleischrotpatrone enthält 200 Bleikugeln mit je drei Millimeter Durchmesser. Wildpret-Liebhaber mag die Schrotkugel im Ragout vom Feldhasen oder im Fasanenbrüstchen im schlimmsten Fall einen Zahn kosten - die 300 bis 400 Tonnen Blei, die beim fröhlichen Handhaben der Schrotflinten pro Jahr auf Österreichs Wälder, Fluren und Teiche niederhageln, richten weit größere Schäden an. Denn das Blei verschwindet nicht, es gelangt ins Grundwasser, in die Nahrungskette, und für unzählige Lebewesen bedeutet es einen schleichenden Tod.

Das "bleifreie" Fahren wurde über Jahre heftigst propagiert, und tatsächlich hat die Umstellung auf Benzin ohne Blei umweltpolitisch viel bewirkt. Die Jägerschaft hat Appelle, ihrer Leidenschaft doch endlich "bleifrei" zu frönen, dagegen bislang überhört. Dabei wäre eine Niederwildjagd - damit ist der Abschuss von Feldhasen, Fasanen, Rebhühnern oder auch Enten gemeint - ohne Bleischrot jederzeit und problemlos möglich.

Weltweit werden pro Jahr über drei Milliarden Bleischrotpatronen verschossen, Österreich importierte im Jahr 2003 rund 340 Tonnen. Sie könnten durch Weicheisenschrotpatronen ersetzt werden, nur bei älteren Gewehrmodellen erfolgt durch den Eisenschrot eine etwas verstärkte Abnutzung. Doch Österreichs Jäger halten an ihren Bleischrotflinten fest - dabei ist das Vergiften doch alles andere als eine waidmännische Form der Jagd. (Andrea Dee/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 11. 2005)

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