[dag]: Stenzels Kulturblick

8. November 2005, 21:21
27 Postings

Man findet sich am Tiefpunkt seines bildungsbürgerlichen Niveaus - Und dies alles, weil einen die Person so angeschaut hat

Manchmal begegnet man Personen, die einen anschauen, als würde etwas mit einem nicht stimmen. Augenblicklich ist man irritiert, fühlt sich unaufgeräumt, schlampig angezogen, Haare stehen vielleicht dümmlich weg, Schuhbänder schlenkern herum, ein Putzereizettel baumelt vom Mantel, Ketschup klebt im Mundwinkel. Oder man hat gelümmelt, hat die Zunge frei herumhängen lassen, hat ein darwinistisches Geräusch von sich gegeben, riecht nach Socken in einer Männersportkabine. Schon kehrt sich das Gefühl der Unpässlichkeit nach innen: Man ist einfacher Grundregeln des Benehmens nicht mächtig, versagt beim Konversieren. Ja, es fehlt an Etikette, der gesellschaftskulturelle Horizont schließt mit dem oberen Brillenrand ab, man findet sich am Tiefpunkt seines bildungsbürgerlichen Niveaus. - Und dies alles, weil einen die Person so angeschaut hat, wie sie einen gerade angeschaut hat, weil sie einen gar nicht anders anschauen kann.

Bisher tat sie es nur in der ZiB, in Brüssel und auf Plakaten. Doch nun ist sie Chefin jenes noblen Bezirks, in dem ich zur Arbeit gehe. Irgendwann werde ich Ursula Stenzel auf der Straße begegnen und sie wird mich anschauen. Dann beginnt mein kultureller Verfall. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 5/6.11.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ursula Stenzel

Share if you care.