Unverhohlener Hass auf "die Franzosen"

9. November 2005, 15:06
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Jugendliche liefern der Polizei Straßenschlachten; die Minister Sarkozy und Villepin balgen sich um die Chirac-Nachfolge

Die dramatischen TV-Bilder täuschen zwar teilweise: In Frankreich herrscht kein Bürgerkrieg; an den meisten Orten im Land merkt man nichts von den Unruhen. Die Vororte brennen aber wirklich, mehr denn je. Der Anlass - der Unfalltod zweier Nordafrikaner in einem Trafo-Häuschen - ist fast schon vergessen. Nicht so die Bemerkung von Innenminister Nicolas Sarkozy, er werde mit dem "Lumpenpack", aufräumen: Die wirklich gemeinten Schläger wollen dem obersten Flic beweisen, dass er Unrecht hat, die übrigen Banlieue-Bewohner - jene friedlichen Millionen, die unter der Alltagsgewalt am meisten leiden - fühlen sich jetzt fast solidarisch.

Jahrzehntealter Frust macht sich wieder einmal Luft und zeigt, wie dramatisch die Integrationspolitik versagt hat. Niemand hat ein Rezept. Schon gar nicht die Minister in Paris, die seit zwanzig Jahren die gleiche Litanei von hartem Durchgreifen und sozialen Begleitmaßnahmen wiederholen. Neuerdings behauptet Sarkozy, die Aufstände seien "perfekt organisiert". Durch wen? Drogenbanden oder gar Islamisten? Wer die "Jungen", wie die Schläger in den Medien genannt werden, in ihren Vierteln ausfragt, hört indes nichts von Djihad.

Hingegen verhehlen diese Zehn- bis Zwanzigjährigen nicht ihren Hass auf die "Franzosen", zu denen sie sich nicht selber zählen, obwohl sie auch französische Pässe haben. In den gleichen Vorortebezirken mögen zwar ein paar verwirrte Maghrebiner gerade Anschläge für Al-Kaida planen; aber mit den Krawallbrüdern haben sie nichts gemein außer dem "Hass".

Man darf nicht meinen, diese minderjährigen Frankomaghrebiner seien gesellschaftlich so verwahrlost wie etwa die Schwarzen und Armen von New Orleans. Sie erhalten eine republikanische Schulbildung und wissen genau Bescheid über die Pariser Politik. Zum Beispiel, dass Sarkozy Staatspräsident werden will, wenn er seine Sprüche klopft. "Und Villepin beginnt schon, von Sarkozy abzuschauen, was der von Chirac gelernt hat", analysierte ein Zwölfjähriger diese Woche in Aulnay-sous-Bois präzis.

Der Hahnenkampf zwischen Premier de Villepin und Sarkozy verstärkt den Eindruck der Vorortebewohner, dass die Kriminalitätsbekämpfungs- und Integrationspolitik nicht für sie, sondern auf ihrem Rücken betrieben wird. "Für die sind wir nur kleine 'Bougnouls'", meinte derselbe Jungbürger von Aulnay unter bewusster Verwendung des Schimpfwortes "Bougnoul" für Araber, um anzufügen: "Aber jetzt mucken die 'Bougnouls' auf und legen im Elysée Feuer!" (DER STANDARD, Printausgabe, 5.11.2005)

Stefan Brändle aus Paris
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