Gefährliche Stille auf Chromosom 8

4. November 2005, 18:28
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Wiener Forscher entdeckten Möglichkeit zur früheren Diagnose von Eierstockkrebs

Krebs ist so alt wie die Menschheit, nur dass er heute immer häufiger vorkommt: Solange der Mensch lebt, teilen sich seine Zellen, wobei immer wieder Fehler passieren. Normalerweise gehen entartete Zellen von alleine zugrunde. Funktioniert der körpereigene Kontrollmechanismus nicht mehr, entsteht Krebs. Das Risiko steigt, je älter man wird. Bis heute ist der Kampf gegen den Tumor vor allem ein Kampf gegen die Zeit. Je früher die Diagnose, desto besser die Prognose. Häufig jedoch wird die Krebserkrankung nicht früh genug erkannt. Dies trifft besonders auf den Eierstockkrebs zu, an dem in Österreich jedes Jahr rund 1000 Frauen meist ab dem 50. Lebensjahr erkranken. Betroffene könnten künftig jedoch bessere Überlebenschancen haben. Möglich wird dies nicht zuletzt durch Entdeckungen von Wiener Wissenschaftern: Ein Team um Michael Krainer von der klinischen Abteilung für Onkologie am AKH hat durch Analyse der Genaktivitäten in den Tumorzellen einen wichtigen Hinweis für eine frühzeitige Diagnose gefunden. In einem ebenfalls vom Wissenschaftsfonds geförderten Projekt hatte Krainers Team kurz zuvor die Ursachen für Eierstockkrebs entdeckt, was die Basis zur Entwicklung neuer Therapien darstellt.

Verglichen mit anderen Tumoren wie etwa Brustkrebs ist das Ovarialkarzinom zwar selten, es gehört aber zu den führenden Krebstodesursachen bei der Frau. Da Eierstockkrebs lange Zeit keine Beschwerden verursacht, werden bis zu 65 Prozent aller Fälle erst in einem sehr späten Stadium entdeckt: Hat sich der Tumor bereits im Becken ausgebreitet, beträgt die Chance, die nächsten fünf Jahre zu überleben, rund 50 Prozent. Bei befallenen Lymphknoten reduziert sich die Fünfjahresüberlebensrate auf etwa 20 Prozent, sind über das Blut schon Fernmetastasen entstanden, überleben nur fünf bis zwölf Prozent der Frauen die folgenden fünf Jahre.

Wie bei anderen Karzinomen auch entwickelt sich ein Eierstockkrebs, weil die körpereigenen Kontrollmechanismen versagen: Die Apoptose, die das kontrollierte Sterben entarteter Zellen verursacht, versagt. Das Team um Krainer konnte zuerst zeigen, dass bei Tumoren des Eierstockes nicht das auslösende Signal für diesen genetisch programmierten Suizid fehlt, sondern dass dieses Signal von den Zellen nicht empfangen werden kann. "Weil den Tumorzellen das DR4-Rezeptormolekül fehlt", erklärt Krainer. DR4 ist für das Binden des Signalmoleküls Trail, ein Eiweiß, das in diesen Zellen die Apoptose einleitet, verantwortlich.

Das Fehlen des entsprechenden Suizid-Rezeptors habe epigenetische Ursachen, erläutert Krainer: Das für seine Ausbildung verantwortliche Gen ist bei den betroffenen Frauen modifiziert - es hängt eine Methylgruppe dran. Diese Methylierung ist zwar ein üblicher Mechanismus des Organismus, um gezielt Gene auszuschalten, in den betroffenen Tumorzellen muss sie aber zu einem falschen Zeitpunkt erfolgt sein. Warum, ist unklar. Klar ist aber die Kausalkette Methylierung - Rezeptormanko - Trailversagen, die zu Eierstockkrebs führt. Und genau die bietet Angriffspunkte für neue Therapien, ist Krainer überzeugt: Der körpereigene Suizidsignalstoff Trail könne industriell hergestellt werden und komme bald in die erste klinische Testphase. Auch an zwei Antikörpern, die ebenfalls Apoptose induzieren, werde gebastelt.

Das alles nützt jedoch recht wenig, wenn der Tumor erst in einem späten Stadium entdeckt wird. Also haben sich Krainer und sein Team auch angesehen, ob es eventuell schon ganz früh Hinweise auf die Entstehung von Eierstockkrebs gibt. Und tatsächlich haben sie solche gefunden: Bei einem Vergleich normaler Zellen der Eierstöcke mit Zellen des fortgeschrittenen Eierstocktumors identifizierten sie molekulargenetische Unterschiede: Die als N33 und EFA6R bezeichneten Gene sind in den Krebszellen fast vollständig inaktiviert. "Derzeit deutet sich an, dass diese beiden Gene bereits vor dem Entstehen klinischer Symptome ihre Aktivität verlieren. Wir vermuten, dass dies ebenfalls durch Anhängen von Methylgruppen an die Bausteine der Gene erzielt wird. Eine solche Methylierung lässt sich aber leicht nachweisen und könnte damit erste und sehr frühe Hinweise auf den sich entwickelnden Krebs liefern", erklärt Krainer.

In ihren Untersuchungen haben die Forscher in Tumorzellen von mehr als 90 Patientinnen die Aktivitäten mehrerer Gene auf einem bestimmten Abschnitt des Chromosoms 8 gemessen. Dieser Abschnitt ist bei Eierstockkrebs oftmals verändert. In einer früheren Arbeit hatte das Team bereits 22 Gene identifiziert. In der jetzigen Studie konnte gezeigt werden, dass insgesamt fünf dieser Gene in Tumorzellen sehr geringe Aktivitäten aufweisen. Dabei fielen N33 und EFA6R besonders auf, da deren Verminderung an Aktivität im Zusammenhang mit dem Verlauf der Erkrankung stand. Über die Funktion der Gene gibt es nur Vermutungen, so könnte N33 an der Regulation des Zelltodes beteiligt sein und EFA6R an der Signalübertragung. Diese Erkenntnisse liefern nun auch einen Beitrag für ein neues EU-Projekt, das die Diagnose von Eierstockkrebs optimieren soll. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 05. 11. 2005)

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