Azouz Begag, Minister für Chancengleichheit

9. Dezember 2005, 16:13
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Ungleiche Chancen für den Alibi-Minister

Unter den sechzig Millionen Franzosen lebt schätzungsweise ein Zehntel Einwanderer aus Nord- und Schwarzafrika. Da sollte es eigentlich nicht erstaunen, dass in der Regierung auch ein "Beur" sitzt (wie sich die französischen Maghrebiner nennen). Azouz Begag, Minister für Chancengleichheit, ist sogar ein Bilderbuch-Beur: Aus Algerien stammend, wuchs der 48-Jährige in einem Vorort von Lyon auf, um sich später als Soziologe einen Namen zu machen und mit zwanzig Sachbüchern und Romanen in ganz Frankreich Erfolg zu haben.

Als ihn Staatspräsident Chirac in die Regierung holte, war das nur die Krönung einer französischen Laufbahn vom kleinen Vorstadt-Beur zum geachteten Regierungsfachmann für alles, was den anderen Ministern so fremd ist, obwohl es in Frankreich zum Alltag gehört: Banlieue-Frust, Immigranten-Misere, ethnische Diskriminierung. Über letzteres Thema hatte Begag Chirac in einer Fernsehsendung persönlich beeindruckt: Er erzählte freimütig, wie sich ein dunkelhäutiger Jugendlicher fühlt, wenn ihm am Disco-Eingang aus fadenscheinigen Gründen der Einlass verwehrt wird. Heute erzählt Begag ab und zu, wie es ist, dunkelhäutiger Minister zu sein: Dann wird man etwa immer wieder mit seinem eigenen Leibwächter verwechselt.

Als sein Ministerkollege Nicolas Sarkozy über das "Gesindel" in der Banlieue herzog, riet Begag aufzupassen, wenn man mit Armen spreche, denn eine "kriegerische und ungenaue Wortwahl" komme meist falsch an. Auch empfahl er Sarkozy, mit etwas weniger Journalisten im Schlepptau in diese heiklen Bezirke zu fahren, und fragte, warum der Superminister sonst nur Polizeichefs mitnehme - und nicht etwa ihn selbst, der aufgrund seiner 25-jährigen Vorstadterfahrung doch eine gewisse Legitimität bei den Jugendlichen genieße. Damit war nun Begag ins Fettnäpfchen getreten: Die "Sarkozysten" bezichtigen ihn der Unterstützung für die Banlieue-Schläger und verlangen seinen Rücktritt.

Der Vorwurf politischer Illoyalität mit der Rechtsregierung klingt umso absurder, als Begag im gleichen Atemzug auch die wirkungslose Integrationspolitik früherer Linksregierungen kritisiert hatte. Doch die Medien verdächtigen Begag ebenfalls, er spiele das Spiel der beiden Sarkozy-Gegner Chirac und Premierminister Villepin. Dass ein Beur-Minister ganz einfach seine Meinung sagt, kommt ihnen nicht in den Sinn.

Es muss Begag langsam bekannt vorkommen: Nachdem er in Paris monatelang als "Vorzeige-Araber" gehandelt worden ist, wird ihm jetzt das Etikett des "instrumentalisierten Ministers" angehängt. Nur die Krawalle, die Begag mit seinen Vorschlägen für die Gleichberechtigung der jungen Beurs abbauen wollte - die gehen munter weiter. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.11.2005)

von Stefan Brändle
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