Schüssels dritte Gehirnhälfte

7. November 2005, 12:42
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Kanzler: Molterer ist "der beste Klubchef, den man sich vorstellen kann", die Opposition verteufelt ihn als beinharten Strippenzieher

Fest steht, dass Molterer so viel Einfluss hat wie noch nie – und während der EU-Präsidentschaft noch mehr bekommt.

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Wien – Im ORF- "Donnerstalk" ist das "Moltofon" ein alter, schwarzer Apparat mit penetrantem Klingelton, der immer dann läutet, wenn ÖVP-Klubchef Wilhelm Molterer im Namen der Kanzlerpartei etwas an der Sendung auszusetzen hat. Zuletzt geläutet hat es auch am 24. Oktober beim Kärntner ÖVP-Klubchef Raimund Grilc. Molterer bat ihn, Jörg Haider nicht allzu sehr zu "traktieren", sondern im Sinne der Koalition lieber "gnädig zu stimmen".

Es war nicht das erste und sicher nicht das letzte Mal, dass Molterer im Auftrag seines Herrn sanften Druck ausübt. Es klingelt dieser Tage auch in Ministerbüros und Redaktionen. Manchmal ist es ein Hinweis, manchmal ein Ratschlag, hin und wieder auch eine unmittelbare Aufforderung, die fernmündlich transportiert wird. Immer ist klar: Diese Stimme hat Gewicht. Manche sehen Molterer schon als heimlichen Bundeskanzler. "Er ist definitiv die Nummer zwei", sagt ein Schüssel-Berater.

Und das nicht nur aufgrund seiner offiziellen und inoffiziellen Ämterfülle: Als Klubobmann überwacht er die inhaltliche Regierungsarbeit, als Koalitionskoordinator hält er hauptverantwortlich die Orangen in Schach und als Parteivizechef kümmert er sich zuletzt immer stärker um die Internas der Kanzlerpartei. Denn Schüssel will sich ganz auf die EU-Präsidentschaft konzentrieren. Zeit (und Lust) für die Wehwehchen seiner Parteigenossen hat er kaum noch.

"Molterer hat das Koalitionsmanagement übernommen. Er ist die Schlüsselfigur für Positionierungsfragen in der Partei", beschreibt ein hoher Landesfunktionär seine allumfassende Rolle. "Er ist so etwas wie Schüssels dritte Gehirnhälfte", meint ein Vertrauter des Kanzlers.

"Ich habe eine nicht ganz nebensächliche Rolle", meint Molterer etwas kokett, "ich glaube, mit schwierigen Situationen ganz gut umgehen zu können." Derer gibt es in der brüchig gewordenen Koalition auch genug. Er selbst werke aber nur bescheiden als "Hintergrundarbeiter".

Moltofon & Moltofill

Seine Gesprächspartner beschreiben den Verlauf der Molterer'schen Konsultationen als Mischung aus Ins-Gebet-Nehmen und Morgenappell. "Pater Willi" tauften ihn die Grünen während der Koalitionsverhandlungen ob seiner sanften, aber beharrlichen Dialektik. "Er kann auch auf leise Art überaus deutlich werden", erinnert sich ein Visavis mit Schaudern.

Es gibt jedenfalls kein Feld, auf dem er nicht firm ist – Frucht einer lupenreinen Funktionärskarriere, die ihn über die Hochschülerschaft in die Ministerbüros der Landwirtschaftsminister Josef Riegler und Franz Fischler und 1990 schließlich ins Parlament brachte. Dort saß zuvor auch schon sein Adoptivvater Josef.

Molterer gehört zu den treuesten Weggefährten des Kanzlers, sie verstehen einander nonverbal. Einst prononcierter Großkoalitionär, spielte er im Wendekabinett eins zuerst den nachdenklichen Umweltminister mit Sympathie für die Grünen, um seit 2002 die Rolle des schwarzen Zuchtmeisters im Parlament zu übernehmen. So viel Loyalität macht sich bezahlt: In der ÖVP gilt Molterer mittlerweile als der logische Schüsselnachfolger. Der Kanzler selbst lobte ihn zu seinem 50. Geburtstag nicht nur als "besten Klubobmann, den man sich vorstellen kann". Er habe auch das Format, Parteiobmann und Bundeskanzler zu werden.

Ganz ohne Ehrgeiz ist "der Willi", wie ihn Schüssel nennt, wie alle Politiker nicht: Seit zwölf Jahren ist er Mediensprecher und sichert sich so Einfluss in der österreichischen Meinungsmaschinerie.

Wann das "Moltofon" wirklich klingelt, weiß man übrigens nie. Wenn Wilhelm Molterer anruft, schickt er seine Nummer nicht mit. (Barbara Tóth/DER STANDARD, Printausgabe, 5.11.2005)

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    Wilhelm Molterer - im Bild ausnahmsweise beim Telefonieren - nimmt Scherze auf seine Kosten gelassen: "Über das ,Moltofon' im Donnerstalk habe ich fürchterlich gelacht."

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