Wenn Begriffe "ein Bankl reißen"

3. November 2005, 20:46
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Claus Tieber und Richard Weihs mit "Wien tödlich" im "Weinhaus Sittl" am Lerchenfelder Gürtel

Dass der 71er für Zwischenapplaus sorgte, sollte nachdenklich machen. Schließlich war "den 71er nehmen" noch vor zehn oder 15 Jahren ein in Wien durchwegs geläufiger Ausdruck - für "sterben". Wegen - das weiß jeder Wiener - des Zentralfriedhofes an der 71er-Strecke. Auch - das wissen nicht alle -, weil man die Linie 71 einst auch als "Leichen-Bim" nutzte - mit einem Kreuz vorn drauf. Aber als Claus Tieber und Richard Weihs - ganz allerheiligenklischeekonform - jüngst bei der Premiere von "Wien tödlich" (noch bis 12. 11.) dieses neben anderen Worten zur "stets stilvollen Sterbebegleitung" (Programmuntertitel) aussprachen, war das für viele im Publikum eine Offenbarung. Und das trotz der absoluten Wien-Authentizität des Aufführungsortes und seines (Stamm-)Publikums: Das "Weinhaus Sittl" am Gürtel ist ein Gasthaus der allerältesten Schule: Glasvitrine mit Mannerschnitten. Deftige, von jedweder Zeitgeistigkeit verschonte Kost. Ein Ambiente, in dem niemand auf die Idee käme, den Grind als "Patina" schönzureden - und eine Stammbesatzung, die so lange deftig-nett und ungeschliffen-herzlich ist, solange sie nicht als Schauobjekte vorgeführt oder begafft werden: Echter kann Wien nicht sein - und wenn hier "den 71er nehmen" nicht mehr verstanden wird, ist der Begriff ein Fall für Artenschützer und Kulturerbepfleger. (DER STANDARD - Printausgabe, 4. November 2005)
  • Totenkult am Lerchenfelder Gürtel: Tieber (links) und Weihs in einem der letzten Wiener Beisln, in denen Begriffe wie "hip" oder "Zeitgeist" Lokalverbot haben.
    foto: rottenberg

    Totenkult am Lerchenfelder Gürtel: Tieber (links) und Weihs in einem der letzten Wiener Beisln, in denen Begriffe wie "hip" oder "Zeitgeist" Lokalverbot haben.

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