Kommentar: Albtraum Pakistan Spenden! Jetzt! Bitte!

4. November 2005, 08:48
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Ein Hilferuf an alle Bürger dieser Welt - von Jan Egeland

Fast vier Wochen nach dem schweren Erdbeben in Südasien steigt die Zahl der Toten, Obdachlosen, Verletzten und Verzweifelten ständig an. Die Lage ist ebenso dramatisch wie hoffnungslos. Die aktuelle Zahl der Todesopfer von 73.000 könnte sich verdoppeln, wenn nicht umgehend Hilfsgelder zur Verfügung gestellt werden. Der gnadenlose Winter in der Himalaja-Region rückt rasch näher, und wir befinden uns in einem Wettlauf mit der Zeit.

Nach jetzigem Wissensstand sind in Pakistan drei Millionen Menschen obdachlos geworden. Bis zu zwei Millionen Menschen benötigen dringend Hilfe. Mehr als 79.000 sind verletzt. Die gesamte Infrastruktur ist auf einer Fläche von 28.000 Quadratkilometern zerstört, 30 Prozent der Opfer sind bisher noch ohne jede Betreuung.

Die internationalen Rettungsaktionen wurden bisher vor allem durch zwei Faktoren erschwert: den eklatanten Mangel an finanziellen Mitteln und durch die immensen Schwierigkeiten, alle Überlebenden des Erdbebens erreichen zu können. Die humanitären Helfer in Pakistan sind mit einem logistischen Albtraum konfrontiert, wie wir ihn noch nie zuvor erlebt haben, nicht einmal während des Tsunamis im Dezember 2004. Das Zusammentreffen einer Vielzahl von Erschwernissen - die Höhenlage, bergiges Gelände, die fast vollständige Zerstörung der Infrastruktur, Erdrutsche, Nachbeben und ein bevorstehender harter Winter - hat die Situation in Pakistan zur größten Herausforderung werden lassen, die die internationale Hilfsgemeinschaft bisher zu bewältigen hatte. Die Dimension der Aufgabe unterstreicht die Notwendigkeit optimaler internationale Zusammenarbeit, damit die knappen Ressourcen bestmöglich genutzt werden können. Und dafür brauchen wir in erster Linie finanzielle Unterstützung (tatsächlich hätten wir sie schon gestern benötigt!).

Besonders gefährdet sind Kinder, da sie sehr anfällig für Krankheiten und Unterkühlung sind. Die katastrophalen Zustände vor Ort haben die UNO daher veranlasst, die Höhe des ursprünglichen Spendenaufrufs auf 550 Millionen US-Dollar zu verdoppeln.

Ich appelliere an alle europäischen Geberländer, an die Privatwirtschaft und an die Bürger der Welt, ihre Herzen und Brieftaschen zu öffnen und mit derselben Großzügigkeit zu reagieren, die sie bei der Tsunami-Katastrophe bewiesen haben. Damals waren für die UNO innerhalb von nur zehn Tagen nach der Flutwelle bereits über 80 Prozent der notwendigen Zuwendungen verfügbar. Für Pakistan hingegen sind fast ein Monat nach dem Beben erst 22 Prozent der von der UNO veranschlagten Mittel bereitgestellt.

Zu einer Zeit, in der so viele Länder dieser Welt einen bisher nie gekannten Wohlstand erreicht haben, kann es für Untätigkeit keine Entschuldigung geben. Wir rufen alle potenziellen Geber auf, ihre Beiträge dem humanitären UNO-Fonds zukommen zu lassen und alle Zahlungsversprechen umgehend einzulösen. Die Hilfsaktion der UNO für die Erdbebenopfer ist ebenso umfassend wie berechenbar. Alle Spenden und ihr jeweiliger Verwendungszweck werden auf der öffentlich zugänglichen UN-Website aufgelistet. Den Gebern wird größte Transparenz zugesichert.

Wir wissen, was passieren wird, wenn wir nicht sofort und entschlossen helfen - tausende Menschen in Pakistan werden bald sterben und noch viel mehr werden unnötig leiden. Die Welt hat die Mittel, sie zu retten. Bleibt die Frage: Haben wir auch den Willen? (DER STANDARD - Printausgabe, 4. November 2005)

Jan Egeland ist UNO-Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenhei- ten und Nothilfe-Koordinator.
Spendenkonto UNICEF:
PSK 1516500, Blz. 60.000,
Kennwort "Erdbeben Asien"
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