Mehr Zeit für Patienten gefordert

4. November 2005, 19:43
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Experten fordern einheitliche Qualitätsstandards - Pilotprojekt in Kapfenberg zeigt, was eine externe Bewertung bringen kann

Wien - Anfang Oktober stürzte im Pflegeheim am Wienerwald eine unbeaufsichtigte Patientin mit ihrem Rollstuhl die Treppe hinunter und starb, kurz zuvor erlag eine andere den Folgen einer falschen Spritze. Fälle wie diese könnten durch ein geeignetes Qualitätsmanagement vermieden werden, glaubt Wiens Pflegeombudsmann Werner Vogt.

Gemeinsam mit Vertretern des Krankenhaus-Betreibers Vamed appellierte Vogt am Donnerstag für die Einführung einheitlicher Qualitätsstandards im österreichischen Gesundheitswesen. Als beispielhaft wurde das Pilotmodell der steirischen Vamed-Tochter Neurologisches Therapiezentrum Kapfenberg (NTK) präsentiert, das im Mai als erstes europäisches Krankenhaus mit dem internationalen Qualitätszertifikat der US-Organisation "Joint Commission" ausgezeichnet wurde.

Patientensicherheit im Zentrum

Im Mittelpunkt der externen Bewertung stehe die Patientensicherheit, erklärt Matthias König, ärztlicher Leiter des NTK. Es gebe nun klare schriftliche Regeln, standardisierte Einschulungen von Mitarbeitern und verstärkte Kommunikation zwischen den Abteilungen. Das Personal verbringe mehr Zeit mit den Patienten, was zwar einen erhöhten Arbeitsaufwand, aber auch weniger Fehler zur Folge habe. "Alle Daten sind nun messbar und müssen nicht geschätzt werden", stellt NTK-Geschäftsführer Robert Schober fest. Die Umstellungskosten von 60.000 Euro konnten zudem durch Einsparungen im technischen Bereich wieder aufgewogen werden.

"Es ist in diesem Land nicht selbstverständlich, dass die Patientensicherheit gewährleistet ist", bemerkt Pflegeombudsmann Vogt. Verbesserungen gebe es meist nur, "wenn der Hut brennt". Deswegen sei eine derartige Zertifizierung "sinnvoll und nützlich". Im Unterschied zu bestehenden ISO-Zertifizierungen würden bei dem US-System alle Prozesse eines Krankenhauses einheitlich erfasst und nicht nur einzelne Abteilungen, erläutert König die Vorteile.

Andere Kultur

Charlotte Staudinger, Leiterin der Abteilung für Qualitätsarbeit im Wiener Krankenanstaltenverbund, hält nicht viel von den Regeln der "Joint Commission": Zu groß seien die kulturellen Unterschiede, lieber vertraue man auf das in Europa entwickelte ISO-Zertifikat. In vielen Bereichen sei außerdem Selbstevaluierung ausreichend. Man denke nicht daran, auf ein anderes Bewertungssystem umzusteigen.

Für Vogt steht eine Vereinheitlichung im Vordergrund, und davon will er auch die Wiener Spitäler überzeugen. Schließlich würden auftretende Fehler ungleich mehr kosten als die Investitionen in mehr Personal. (kri)

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