Reportage: "Diesmal hören wir nicht so schnell auf!"

7. November 2005, 09:32
191 Postings

Seit einer Woche liefern einander in den Pariser Vorstädten Jugendliche und die Polizei Straßenkämpfe

Die Krawalle dauern um einiges länger als bei früheren Unruhen. Warum, zeigt ein Augenschein im derzeit "heißesten" Vorort.

***

Eine einzige Lichtreklame ist noch intakt: eine Büstenhalter-Werbung mit einer halb nackten Frau und dem anzüglichen Spruch: "Zerbrechen Sie diese Scheibe bitte nicht." Seltsamerweise hat genau diese Scheibe an der Haltestelle "Bougainville" standgehalten.

Alle übrigen Bushäuschen sind mehr oder weniger zerstört. Auf dem Asphalt mischen sich Herbstblätter und Glassplitter. Ein paar Dutzend Meter stehen ein paar bis an die Zähne ausgerüstete Einsatzpolizisten in der Sonne - sie bewachen die rußgeschwärzten Jalousien ihres Kommissariats, das in der Nacht zuvor ausgebrannt ist. Irgendwo gellt eine Sirene. Ein Jugendlicher nähert sich, schiebt seine Sonnenbrille hoch und flüstert halb belustigt, halb bedrohlich: "Willkommen in der Favela!"

In Aulnay steigen sie nie aus

Aulnay-sous-Bois ist kein brasilianischer Slum, sondern eine Vorstadt mit 80 Prozent Immigranten nordöstlich von Paris. Touristen fahren an der Banlieue-Gemeinde vorbei, wenn sie die Schnellbahn vom Flughafen Roissy-Charles de Gaulle ins Stadtzentrum nehmen. In Aulnay steigen sie nie aus. In Aulnay steigt an diesem Donnerstagmorgen ohnehin niemand aus: Wegen eines Angriffs durch einen Passanten ist das Zugpersonal in den Streik getreten.

Wer in der Nachbargemeinde Bobigny ein Taxi gesucht hatte, um nach Aulnay zu kommen, wartete vergeblich: "Die Rufstelle ist zerstört", sagte die Dame am Kiosk. Also zu Fuß los, in das von der Außenwelt abgeschnittene Aulnay, wo seit Sonntag die schlimmsten Krawalle im Großraum wüten. An einer abgebrannten Haltestelle mitten in der Banlieue-Wüste warten drei beleibte Damen mit Plastiksäcken. "Das sind alles Tunichtgute", meint eine Frau, und ihre schwarze Freundin eifert ihr nach: "Die machen uns das Leben zur Hölle und zünden die Wohnungen und die Autos einfacher Leute an, die nicht einmal eine Versicherung haben. Warum gehen sie nicht nach Paris, in die schönen Viertel, um Radau zu machen? Wenn sie wenigstens das Steueramt anzünden würden!"

Molotowcocktails

Warum denn diese plötzliche Gewaltwelle? Weil zwei Burschen in der Nachbargemeinde Clichy-sous-Bois auf der Flucht vor der Polizei in einem Stromwerk tödlich verunfallten? "Nicht nur", klärte die dritte Rentnerin auf: "Die Burschen sind wütend, weil Innenminister Sarkozy sie 'Lumpenpack' genannt hat. Das mögen sie nicht, wenn man sie so nennt, die Idioten."

Endlich ein Bus. Vorbei an einer Renault-Vertretung, wo in der Nacht zuvor dutzende von Neuwagen ausbrannten. Molotowcocktails, Steinwürfe, Verhaftungen - das Übliche. In der Siedlung mit dem eher sachlichen Namen "3000" meint ein Jugendlicher: "Hier ist der Kosovo!" Er erinnert daran, dass ein französisches Fernsehteam am Vorabend "ausgeräuchert" worden sei: Das Fahrzeug wurde entwendet, angezündet und in eine Bank gefahren.

"Diesmal werden wir nicht so schnell aufhören", meint ein kaum 15-Jähriger, der seinen Vornamen, Idir, mit Henna auf die Innenfläche seiner Hand gemalt hat. "Denn diesmal sind die in Paris zu weit gegangen!". - "Sarkozy démission!", ruft ein Schwarzer in die Runde. Idir erklärt, die ganze Banlieue werden noch brennen, wenn sich Sarkozy für den Ausdruck "Gesindel" (racaille) nicht entschuldige. Ein nicht mehr junger Gendarm, der seit zwanzig Jahren im Département Dienst leistet, bestätigt, dass die Lage so schlimm sei wie noch nie. "Die Gewaltbereitschaf ist enorm." Am Vorabend hätten sie Wurfgeschoße gefunden, mit denen die Polizei eingedeckt werden soll: Fernsehbildschirme, Pétanque-Kugeln, ein Heizkörper. "Zum Glück haben wir das noch auf dem Hausdach entdeckt", meint der Flic, liebevoll seinen Plastikhelm tätschelnd. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.11.2005)

Stefan Brändle aus Aulnay-sous-Bois
Share if you care.