Skoceks Zeitlupe: Symbolischer Strafraum

9. November 2005, 00:10
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Die Affäre Didulica, die im besagten Derby ihren traurigen Schlusspunkt fand, zeigte wieder einmal auf, wie leicht Massen aus der Hand laufen, wenn nur der geringste Fehler passiert

Der Strafsenat der Fußball-Bundesliga hat das Fehlverhalten extremer Austria-und Rapid-Fans vor und während des 275. Derbys mit 30.000 und 10.000 Euro Strafe belegt. Die Strafe zahlen müssen freilich die Vereine, weil die Fans als Rechtskörper nicht existieren und für Senate und Gerichte nicht greifbar sind. Die Haltung der Vereine in diesen Dingen ist zwiespältig. Rapids Anhang bildet eine solide wirtschaftliche Basis, der Funktionärsstolz auf die verlässliche Claque überdeckt oft die Einsicht, dass sich mit der Masse auch die Falottenmenge vergrößert.

Die Affäre Didulica, die im besagten Derby ihren traurigen Schlusspunkt fand, zeigte wieder einmal auf, wie leicht Massen aus der Hand laufen, wenn nur der geringste Fehler passiert. Didulica foulte vor rund einem halben Jahr den Rapidler Lawaree mit erschreckender Brutalität, ließ sich später mit einem Bilderserien-Schal seiner Attacke von den Austria-Fans feiern. Beim vergangenen Derby wüteten erlebnisorientierte Rapidfans hirnlos gegen Didulicas Hirnlosigkeit. Der Austria kann man vorwerfen, dass sie ihren Arbeitnehmer Didulica nicht zur Vernunft brachte, für die Durchführung einer behördlich genehmigten Veranstaltung ist sie kaum zu bestrafen, der Gastverein Rapid noch weniger. Es sei denn, Austrias Ordnerdienst hat nachweislich (etwa bei den Eingangskontrollen) versagt.

Austria und Rapid sind für ihre Fans nicht juristisch, sondern symbolisch verantwortlich. In Österreich fordern schon die Scharfmacher, dass wie in England Verdächtige vor dem Match und Fehltritt weggesperrt werden. Soll der Fußball als Alibi für eine weitere Drehung an der Law-and-Order-Schraube herhalten? (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 4. November 2005, Johann Skocek)

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