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14. November 2005, 08:34
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Nicht jeder HC, der gegen Ausländer hetzt, ist schon ein früher Jörg - eine Kolumne von Günter Traxler

Zu den heiteren Seiten der dahinvegetierenden österreichischen Innenpolitik gehören zur Zeit die krampfhaften Versuche der beiden heimischen Rechtsausleger, einander jede Ähnlichkeit mit sich selbst abzusprechen. Sie dürfen annähernd dieselbe Seriosität beanspruchen wie die Versuche etlicher Beobachter, in Heinz-Christian Strache auf Biegen und Brechen einen wiedergeborenen Jörg Haider erkennen zu wollen. Der Gedanke ist in seiner Simplizität gar zu verlockend, als dass man seine Präsentation bis zum Eintreten der Voraussetzung jeder Wiedergeburt abwarten wollte, nämlich der definitiven politischen Löffelabgabe des zum Rebirthing in Blau Verdammten.

Dabei könnte man von der volkstümlichen Erkenntnis gewarnt sein, wonach es noch lange nicht dasselbe ist, wenn zwei das Gleiche probieren. Aber wenn man einmal damit begonnen hat, statt des Wiener Wahlergebnisses hartnäckig die Prognosen der Meinungsforscher zu analysieren, liegt es nahe, im Wahlverlierer Strache eilig die Nachgeburt des Triumphators von einst zu feiern: der neue Haider!

Doch so weit ist es noch lange nicht, wenn es denn überhaupt je so weit kommen sollte. Gewisse Ähnlichkeiten mag es geben, aber nicht jeder HC, der gegen Ausländer hetzt, ist schon ein früher Jörg. Denn das Triumphgeschrei der FPÖ-Truppe kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Haider seiner Partei einst neue Wähler in beängstigend großer Zahl erschlossen hat, während Strache diesmal gerade einen Teil der Wähler halten konnte, die ihm Haider hinterlassen hat. Noch immer zu viele, aber auch nicht mehr.

Jörg Haider hat sich eine rechtskonservative Honoratiorenpartei auf seine persönlichen Bedürfnisse und auf jenen xenophob-sozialen Schildlaus-Opportunismus hingebogen, mit dem er zu Zeiten einer großen Koalition von Wahlerfolg zu Wahlerfolg eilte. Wenn man das als eine politische Leistung bezeichnen will, dann war es eine. Strache hat nichts Derartiges vorzuweisen - auch nach der Spaltung der FPÖ sitzt er noch immer in dem von Haider bereiteten und nun verlassenen Nest, ohne bisher gezeigt zu haben, wie weit er es aus eigener Kraft ausbauen kann.

Nicht zuletzt, weil er vorgab, der Schutzpatron des kleinen Mannes und des harten Hacklers vor den etablierten Schmarotzern zu sein, konnte Haider Stimmen von der SPÖ gewinnen. Wie viel seriöser Sachverstand jeweils dahinter stand, zeigt in diesen Tagen die Farce um die Schwerarbeiterregelung. Dennoch brachte es einen gewissen Zulauf, solange man in Opposition und ein Leistungsnachweis nicht gefordert war. Strache hat soziale Kompetenz bisher nicht einmal in Form von Inkompetenz erkennen lassen. Außer deutschnationalem Rabaukentum, EU- und Ausländerfeindlichkeit ist von ihm - zumindest in einer breiteren Öffentlichkeit - politisch nichts bekannt. Dass er die Freiheitlichen damit an ihre Stärke unter Haider heranführen kann, ist in harten Zeiten wie diesen zweifelhaft.

Wer vormals FPÖ wählte, der wählte Jörg Haider, der wollte den jugendlichen Helden gegen die sterilen Altparteien ziehen sehen. Doch das Alter machte auch vor Haider nicht Halt, sein Heldenimage hat er mit dem Eintritt in Schüssels Wendekoalition selbst zerstört, und die Menschen haben längst andere Sorgen. Dass außerhalb Wiens bei einer Nationalratswahl jemand allein Strache zuliebe die FPÖ wählt, ist eher zweifelhaft, auf absehbare Zeit dürfte das Charisma, an dessen Erzeugung er so aufgedreht blauäugig arbeitet, an der Stadtgrenze enden.

Erst recht nicht ähnlich erscheinen Haider und Strache in einer anderen Frage, die sich schon bald stellen könnte. Er werde ganz sicher nicht Mehrheitsbeschaffer für Wolfgang Schüssel sein, beteuert Strache: Keine Zusammenarbeit! Und erst wenn Schüssel die Frage tatsächlich stellen sollte, wird man sehen, ob es zwischen den beiden nicht doch eine ganz kleine Ähnlichkeit gibt. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.11.2005)

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