Verzweiflung in der Vorstadt

14. November 2005, 08:34
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Einwanderung: Eine französische Lektion für alle europäischen Länder - Von Christoph Winder

Seit gut einer Woche werden die rund um Paris liegenden, mehrheitlich von Zuwanderern der ersten, zweiten oder oft schon dritten Generation bevölkerten "Problemviertel" von massiven Unruhen erschüttert. Auslöser der Krawalle war ein Vorkommnis, das normalerweise von den Zeitungen im Chronikteil unter "Faits divers" gemeldet worden wäre, ohne weitere Aufregung zu verursachen. Diesmal aber hat der Tod zweier Jugendlicher, die - wahrscheinlich aus Panik vor einer Polizeistreife - in eine Trafostation geflüchtet und dort umgekommen waren, eine jener von Hass und Verzweiflung genährten Jugendrevolten ausgelöst, wie sie in der Banlieue alle Jahre wieder einmal vorkommen.

Ihre spezielle Note verdankt die Revolte 2005 einer verheerenden Pannenserie, die mit dem Namen des Innenministers Nicolas Sarkozy verbunden ist. Sarkozy hat erst mit widersprüchlichen Schilderungen des Unglückshergangs Misstrauen gesät und dann mit einer Wortwahl, die jedem Front-National-Aktivisten zur Ehre gereichen würde ("Lumpenpack", "Abschaum"), Öl ins Feuer gegossen. Das soll keine Entschuldigung für die Brandstifter und Steinewerfer sein, gegen die der Staat vorgehen soll und muss. Wohl aber ist es mehr als bedenklich, wenn ein führender Politiker an die ungesündesten Regungen des Volksempfindens appelliert.

Die Gründe für Sarkozys verbale Ausritte sind leicht zu finden. Der ehrgeizige Innenminister will 2007 Präsident werden und hat geglaubt, dieses Ziel sei schon in greifbare Nähe gerückt. Jacques Chirac, der Amtsinhaber, ist alt, wenig populär und gesundheitlich angeschlagen, sodass er trotz seines legendären Machtwillens kaum mehr kandidieren dürfte. Sarkozy hat aber mit dem neuen Premier Dominique de Villepin einen ernsthaften Konkurrenten bekommen, der, wiewohl aristokratischer Feingeist, auch bei den breiten Wählermassen Anklang findet. Daraus resultieren viele rhetorische Exzesse von Sarkozy. Die vergangenen Tage haben allerdings gezeigt, dass die Bäume auch für Populisten nicht in den Himmel wachsen.

Sarkozy hat nicht nur einen paradoxen Solidarisierungseffekt mit den randalierenden Vorstadtrebellen provoziert, sondern Spannungen innerhalb der Regierung selbst. Vor allem Integrationsminister Azouz Begag geht auf Konfrontationskurs - mit Billigung oder gar stillschweigender Ermunterung durch den Premierminister, wie manche Beobachter meinen.

Sarkozys Brandreden lenken aber auch davon ab, dass der französische Staat das Vorstadtproblem, das er durch eine verunglückte Städtebaupolitik vor einem halben Jahrhundert selbst maßgeblich mitverursacht hat, natürlich nicht nur mit Polizeigewalt lösen will. Seit Jahren und Jahrzehnten üben sich die Regierungen in sozialtechnischen, architektonischen und sonstigen Maßnahmen, um die Schwierigkeiten zu entschärfen. Die brutalsten Betonklötze werden zwangsabgerissen, immer wieder werden neue Schwerpunktaktionen ausgerufen, oder es wird mehr Geld für Erziehung in die Gettos gepumpt. Gefruchtet hat das alles leider wenig oder nichts.

Die Entwicklung ist umso bestürzender, als die urbanen Krisengebiete zunehmend einer Logik zum Opfer fallen, bei der die Brücken zum Rest der Welt immer rapider abgetragen werden. In das Vakuum, das staatliche Ordnungskräfte und private Hilfsorganisationen hinterlassen, stoßen nicht selten extremistische Hassprediger vor, die den verzweifelten Jugendlichen die Gewalt als scheinbar letzte Alternative einreden.

Die Unruhen der vergangenen Tage sind von vielen nationalen Eigenheiten und Versäumnissen geprägt. Aber auch die anderen europäischen Länder sollten die französische Lektion ernst nehmen, wie sehr sie ihre Anstrengungen um eine Integration ihrer Zuwanderer vorantreiben müssen, nicht nur, um hemmungslosen Populisten das Wasser abzugraben, sondern auch um den friedlichen Zusammenhalt der Gesellschaft als Ganzes zu sichern. (DER STANDARD, Printausgabe, 04.11.2005)

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